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Le théâtre contemporain de langue allemande : écritures en décalage


Ort: Paris
Verlag: Harmattan
Jahr: 2008
Autor(en): Hilda Inderwildi (Hrsg.)
Herausgeber: Hilda Inderwildi, Catherine Mazellier
Autor der Rezension: Marc Lacheny
ISBN: 978-2-296-05815-6
Umfang / Preis: 264 pages / EUR 25 / FF 164




Das vorliegende, von Hilda Inderwildi und Catherine Mazellier herausgegebene Buch ist das Ergebnis eines im Mai 2007 an der Universität Toulouse-Le Mirail veranstalteten Kolloquiums, das im Rahmen der fünften „ Rencontres du Théâtre Allemand Contemporain“ stattfand und den „Écritures en décalage dans le théâtre contemporain de langue allemande“ gewidmet wurde.
Das Buch, das sich in drei Hauptteile gliedert − „Dire l’événement“, „Traitement décalé de l’histoire“ und „La médiation décalée : adaptation, traduction, mise en scène“ −, besteht aus 15 theoretischen Beiträgen − zu zeitgenössischen Bühnenautoren wie E. Jelinek, K. Röggla, B. Strauss, E. Schleef, G. Jonke, M. Rinke, T. Jonigk und R. Pollesch, aber auch zu entscheidenden Vorläufern wie F. Dürrenmatt, P. Weiss oder T. Bernhard − und zwei zum ersten Mal veröffentlichten Originaltexten. Der erste ist eine Reaktion Kathrin Rögglas auf die Explosion der Firma AZF und deren Fortbestehen im Gedächtnis der Toulouser, der zweite ein Interview mit Rebekka Kricheldorf über die Nachwirkungen des Jahres 1968.
Die verschiedenen Beiträge betonen v. a. die Effizienz des von Freud geprägten Begriffs „Nachträglichkeit“ für die Theaterforschung: Jede literarische Darstellung setzt zwangsläufig eine ästhetische Veränderung und Überwindung des untersuchten Ereignisses voraus, die den Diskurs über dieses Ereignis besonders schwierig, ja (nach Derrida) quasi unmöglich macht. Eben in dieser historischen Diskrepanz – „nachträglich“ – nimmt sich jedoch das Theater des historischen Gegenstands an und macht ihn zu einem literarischen Thema. Dies gilt für:
1) Die Analyse der theatralischen Bearbeitungen eines historischen Ereignisses (etwa der Entwicklungen innerhalb des Ostblocks oder des 11. Septembers 2001), die gewisse Traumata verarbeiten und umgestalten, wie es die Artikel C. Kleins über Jelineks Bambiland und den Irak-Krieg und C. Mazelliers über die literarischen Reaktionen Jelineks und Rögglas auf den 11.9. sehr schön zeigen;
2) Die notwendige Heraubildung eines kulturellen Gedächtnisses durch das Theater selbst (s. z.B. die zwei Beiträge Emmanuel Béhagues über Schleef und über die paradoxen Auswirkungen des Jahres 1968 im zeitgenössischen Drama);
3) Die Bearbeitung durch etliche zeitgenössische Autoren bestimmter Werke aus der Vergangenheit (z.B. Y. Iehls Darstellung der Entwicklung der Napoleon-Figur bei Grabbe und Dürrenmatt oder A. Combes’ Aufsatz über Peter Weiss’ Inferno, der auf seine eigene Art Dantes Hypotext bearbeitet);
4) Das Aufzeigen der Lücken in der Trauerarbeit, wobei die Fragen der Schuld, des Vergessens und der Lüge sich ganz besonders im Falle Österreichs stellen (u.a. hier T. Bernhard und G. Jonke);
5) Die ästhetischen Paradigmenwechsel, die sich in den transmedialen Bearbeitungen feststellen lassen, z.B. in der Adaption (H. Inderwildi beschäftigt sich mit der Adaption des Nibelungenlieds durch Moritz Rinke, E. Beaufils mit einem Stück Thomas Jonigks nach dem Film Week-end von Jean-Luc Godard und S. Tigges mit Dem Kick von Andres Veiel, der in die ästhetische Linie von Büchners Woyzeck einzubetten ist), in der Übersetzung (N. Colin zeigt die Distanz zwischen Theaterstück, Aufführung und Übersetzung in der Rezeptionsgeschichte am Beispiel von Brecht in Frankreich) und in der Aufführung (J. Roselt untersucht Phänomene der Nachträglichkeit bei C. Marthaler unter dem Blickwinkel der Bühnentechnik und der Inszenierung).
Jenes dichte und anregende Buch, das immer wieder die erneut zentrale Bedeutung der Verbindung von Theater und Geschichte hervorhebt − aber in einer mehrstimmigen, fragmentarischen und zersplitterten Form, die mit dem dramatischen Konflikt im traditionellen Sinne bricht, um die Mannigfaltigkeit des Realen widerzuspiegeln und das Auftauchen einer neuen dokumentarischen Ästhetik zu unterstreichen, zeugt somit von der Vitalität des zeitgenössischen deutschsprachigen Theaters und veranschaulicht durchaus erfolgreich jene Verbindung von Forschung und Theaterpraxis, die H. Inderwildi und C. Mazellier seit Jahren an der Universität Toulouse II fördern und ins Werk setzen. Schließlich sei bemerkt, dass die Lektüre dieses Sammelbandes mit Gewinn durch Emmanuel Béhagues Standardwerk ergänzt werden kann: Le théâtre dans le réel. Formes d’un théâtre politique allemand après la réunification (1990-2000), Straßburg, Presses Universitaires de Strasbourg, FAUSTUS/Études germaniques, 2006.



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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=736
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