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Rezensionen

Family, Frontier and American Dreams: Darstellung und Kritik nationaler Mythen im amerikanischen Drama des 20. Jahrhunderts


Ort: Trier
Verlag: Wissenschaftlicher Verlag Trier
Jahr: 2008
Autor(en): André Hahn
Autor der Rezension: Susan Mahmody
ISBN: 978-3-86821-016-3
Umfang / Preis: 288 Seiten / EUR 29.50




Bei Mythen handelt es sich um überlieferte Erzählungen aus der Vorzeit eines Volkes, im Besonderen um Erzählungen bekannter Götter-, Helden- oder Schöpfungsgeschichten. Die in diesen Geschichten agierenden Personen oder Wesen haben oft die Funktion eines Vorbildes, dem es nachzustreben gilt. Durch das Befolgen der angegebenen Regeln und des vorgezeigten guten und richtigen Handeln seien Menschen imstande, sich in den Stand des Heiligen zu erheben. Mythen helfen dem Individuum aber auch dabei, das eigene Wesen und die Umgebung in Kategorien einzuteilen und fassen zu können, und somit eine Art Selbstkonstituierung und –definition vornehmen, sich aber auch gleichzeitig vom „Anderen“, „Fremden“ abgrenzen zu können. Vor allem auf nationaler Ebene wurde und wird gerne auf (nationale) Mythen zurückgegriffen, um ein gewünschtes Selbstbild vom eigenen Volk zu kreieren, da Vergangenheit und Gegenwart hier problemlos zusammengeführt werden können.

Genau solchen tief in der Gesellschaft, in diesem Falle der US-amerikanischen, verankerten Mythen widmet sich André Hahns 2008 abgeschlossene Dissertation mit dem Titel Family, Frontier and American Dreams: Darstellung und Kritik nationaler Mythen im amerikanischen Drama des 20. Jahrhunderts, die als 14. Band der Schriftenreihe "Beiträge zur Anglistik" des Wissenschaftlichen Verlages Trier erschienen ist. Ziel dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, „wie ausgewählte amerikanische Dramenautoren in ihren Werken nationale Mythen zu destruieren suchten und auf diese Weise demonstrierten, dass sie diese für falsch, dekadent oder verkommen hielten.“ (S 1) Konkret behandelt der Autor fünf Mythen:

1. die Family, die Vorstellung der glücklichen, intakten Vorzeigefamilie, die vorwiegend in der amerikanischen Kleinstadt angesiedelt ist und durch starken Zusammenhalt, hohe Moral und Angepasstheit ans vorherrschende System charakterisiert wird
2. der American Dream, der besagt, dass jeder und jede durch harte Arbeit den gesellschaftlichen Aufstieg erreichen kann und somit jedem/r in den USA alle Möglichkeiten offenstehen
3. die Frontier, das amerikanische Grenzland (in kultureller und ideologischer Hinsicht), als „Raum für Heldentum“ (S 1)
4. der „patriotische Krieg“, hier dargestellt anhand des Beispiels Vietnamkrieg
5. sowie der Founding Father, der Gründungsvater der US-amerikanischen Republik, hier Abraham Lincoln.

Diese fünf Mythen sowie Überschneidungen dieser werden von Hahn in einzelnen Abschnitten anhand von ausgewählten Dramen – Edward Albees Who’s Afraid of Virginia Woolf?, Lanford Wilsons The Rimers of Eldritch, Arthur Millers Death of a Salesman, Arthur Kopits Indians, David Rabes Vietnam-Trilogie (bestehend aus The Basic Training of Pavlo Hummel, Sticks and Bones und Streamers) und Suzan-Lori Parks‘ The America Play – untersucht. Diese äußerst beliebten Dramen sollen abbilden, wie wenig Bestand die grundlegenden amerikanischen Werte zum Zeitpunkt des Produktionsprozesses der Werke noch hatten, ohne auch den zeitgenössischen Diskurs nicht auszuklammern.

Zum Mythos-Begriff

Als Ausgangspunkt für seine Darlegungen wählt Hahn eine theoretische Auseinandersetzung mit dem vielzitierten Begriff „Mythos“. Da der Terminus in vielen, zum Teil grundlegend divergierenden Gebieten eingesetzt wird, ist eine allgemeine Definition äußerst schwierig zu fassen, für den weiteren Verlauf der Arbeit jedoch nötig. Der Autor betrachtet darum zunächst eine Anzahl an unterschiedlichen Beispielen zur Verwendung des Begriffs, um anschließend zu erläutern, wie dieser von einigen zeitgenössischen Schriftstellern und/oder Philosophen, wie beispielsweise Roland Barthes, Claude Lévi-Strauss, Hans Blumenberg, Eugen Böhler oder Jan Assmann in einem moderneren Sinne ausgelegt wird. Dabei stützt sich der Autor vor allem auf die Ausführungen von Barthes und Böhler, die über den „konstruierten Mythos“ bzw. den „säkularisierten Mythos“ sprechen. Durch diese kritische Auseinandersetzung mit dem Basisterminus der Arbeit, die auch die ursprüngliche Bedeutung des Begriffes „Mythos“, sowie Entstehung, Veränderung und Funktionen von Mythen nicht unbesprochen lässt, wird die Basis für die spätere Textanalyse gelegt. Dieses erste theoretische Kapitel ist zwar äußerst komplex, schafft es aber durch die deutliche Sprache und die angeführten Beispiele dennoch Klarheit beim Leser und der Leserin über das Wesen des Terminus „Mythos“ zu hinterlassen.

Destruktion von Mythen im amerikanischen Drama

Der zweite Teil der Dissertation, eine Art Überleitung vom theoretischen Aspekt der Arbeit zum praktischen, analytischen Teil, bespricht die Entwicklung des amerikanischen Dramas im 20. Jahrhundert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Übergang vom psychologisch-sozialkritischen und anthropologischen Drama der späten 1940er und 50er Jahre zum experimentellen Drama der 1960er Jahre. Die wichtigsten Werke und Hauptströmungen werden präsentiert und auch Stücke, in denen auf den Verfall von bis zu diesem Zeitpunkt fest im amerikanischen Denken und Leben verankerten Mythen explizit oder implizit hingewiesen wird, werden besprochen. Mit diesem Kapitel setzt der Autor sein Vorhaben gleichzeitig in einen literaturgeschichtlichen, historischen, soziokulturellen als auch politischen Kontext, was die breite Verfächerung des Themas in verschiedene Bereiche des Lebens aufzeigt.

Analyse der Theaterstücke

Im anschließenden textanalytischen Teil, der den Hauptteil der vorliegenden Arbeit ausmacht, werden die fünf eingangs vorgestellten Mythen zunächst jeweils in einen zeitgenössischen Kontext gestellt und wird auch erklärt, wieso und wie diese überhaupt zum Mythos werden konnten. Zu diesem Zwecke ist vielfach ein Rückgriff auf vorige Jahrhunderte und die damals bestehenden Diskurse vonnöten, wodurch nicht nur die Entstehung und Entwicklung der Mythen abgebildet, sondern auch ein schöner Querschnitt durch die Prozesse von Entfaltung und Veränderung verschiedener Vorstellungen von Moral, Religion, Kultur und Zusammenleben gegeben wird. Danach wird die vom jeweiligen Autor gewählte dramatische Darstellungsform des Mythos, also Struktur und Stil des Dramas, beleuchtet, um darzustellen, in welcher Form der Mythos innerhalb dieser Werke aufgespürt, debattiert, kritisiert und in weiterer Folge auch destruiert wird. Abgesehen von den acht behandelten Theaterstücken werden zusätzlich weitere Dramen, die ebenfalls mythendestruktive Züge aufweisen, in die Analyse eingebunden, um so die Relevanz und Popularität dieses Charakteristikums deutlich zu machen. Laut dem Autor handle es sich bei diesen Werken nämlich keineswegs um „vereinzelte Sonderfälle […], sondern vielmehr um ein beliebtes und wichtiges Thema des amerikanischen Theaters, welches mit dem Aufkommen des experimentellen Theaters seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte, ohne jedoch danach seine Bedeutung gänzlich zu verlieren.“ (S 4)

Besonders wertvoll wird Hahns Analyse, da er sich nicht einer bestimmten Strömung oder Periode widmet, sondern eine Untersuchung von Einzelwerken vornimmt. Durch dieses Verfahren kann die ausführliche und tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Text gewährleistet werden. Bei der Analyse der Texte, also der direkten Arbeit am Text, teilweise in Form eines close readings, wird ein Methodenpluralismus gewählt, um die Mythendestruktion in all ihrer Vielfalt, d.h. in religiöser, sozialkritischer, politischer, historischer und psychologischer Hinsicht gleichzeitig, darstellen zu können. Der historische und gesellschaftliche Kontext, in dem sich die Werke jeweils bewegten, wird ebenfalls detailliert dargelegt. Bereits in seiner Einleitung konstatiert der Autor vorgreifend: „Die angesprochenen inhärenten Werte haben sich in den behandelten Dramen in ihr Gegenteil verkehrt. Nationalmythen verkörpern darin alles, was Amerika an negativen Aspekten aufzuweisen hat, womit ihr Status als ungerechtfertigt gekennzeichnet wird. Jedoch wird auch zu beobachten sein, dass eine derartige Destruktion nicht ausreichte, um den jeweiligen Mythos an seinem Fortbestand zu hindern.“ (S 1) Dass diese Behauptung in Bezug auf die untersuchten acht Theaterstücke stimmt, lässt sich nach der Lektüre des analytischen Teiles der Arbeit einwandfrei bestätigen.

In der abschließenden Schlussbetrachtung präsentiert Hahn die Resultate seiner ausführlichen, gut recherchierten Arbeit auf wenigen Seiten, jedoch sehr prägnant und aufschlussreich. Die Ziele der vorliegenden Arbeit sowie die von ihm gewählten Ansätze lässt der Autor noch einmal Revue passieren und er verknüpft diese mit den analysierten Theaterstücken. Konkludierend weist Hahn erneut auf die Wichtigkeit des Mythos für den Menschen und dessen feste Verankerung in jeder Gesellschaft und Kultur hin, bemerkt aber auch, dass gerade das amerikanische Drama des 20. Jahrhunderts dazu beiträgt, den Menschen vor Augen zu führen, dass auch stark institutionalisierten Mythen nicht einfach blind gefolgt werden sollte.

Fazit

André Hahn ist es in Family, Frontier and American Dreams: Darstellung und Kritik nationaler Mythen im amerikanischen Drama des 20. Jahrhunderts gelungen seine Ziele zu erfüllen und seine Problemstellung deutlich zu beantworten. Die Arbeit ist durchwegs gut und deutlich strukturiert, was durch die Relevanz der einzelnen Unterkapitel und der Zusammenhänge zwischen den Abschnitten ersichtlich ist. Der Autor verwendet viele Zitate aus den besprochenen Primärwerken zur Illustration, was seine Argumentation positiv unterstützt und die Debatte rund um die Texte greifbarer macht. Trotz der Komplexität des Themas zeichnet sich das Buch durch eine schnörkellose Sprache und eine klare Argumentation aus, die nicht über viele verzweigte Umwege, sondern direkt zum Kern des Untersuchungsgegenstandes führt. Hahn spannt den Bogen über Literatur, Kultur, Geschichte, Politik, Religion, Soziologie und Philosophie und scheut sich auch nicht davor, die diesen Gebieten inhärenten Diskurse anzusprechen. Inhaltlich dürfte die Studie sowohl für Literatur- als auch für Theaterwissenschaftler relevante und wertvolle Ergebnisse liefern, die beiden Sparten neue Impulse liefern können.




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Typ: Dissertation


Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=563
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