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Kunst und Nichtkunst : das Theater von Christoph Schlingensief
Ort: WĂŒrzburg Verlag: Verlag Königshausen & Neumann Jahr: 2009 Autor(en): Catherina Gilles Autor der Rezension: Ulrike Hartung  ISBN: 978-3-8260-3955-3 Umfang / Preis: 159 Seiten / EUR 19.80
 Der Untertitel dieser Publikation âDas Theater von Christoph Schlingensiefâ weckt die Erwartung einer lĂ€ngst ĂŒberfĂ€lligen Retrospektive des theatralen Schaffens dieses KĂŒnstlers. Ein ausgesprochen anspruchsvolles und sehr ambitioniertes Projekt und eine Herausforderung im besten Sinne fĂŒr einen Theaterwissenschaftler, wie die Verfasserin eine ist. Sein vieldiskutiertes Ćuvre sowie die starke MedienprĂ€senz des KĂŒnstlers verlangen geradezu nach einer Betrachtung, die weit ĂŒber die BeschĂ€ftigung innerhalb der Feuilletons, die oftmals stark von AllgemeinplĂ€tzen und unkommentierten Selbstaussagen des KĂŒnstlers geprĂ€gt sind, hinaus reicht. Sowohl die vielfĂ€ltigen und bedeutenden Ă€sthetischen Innovationen nicht nur auf dem Gebiet des Theaters als auch der spezifische Umgang des KĂŒnstlers mit sich selbst und der Ăffentlichkeit bedĂŒrf(t)en der nĂ€heren und intensiveren Betrachtung, als es bislang unternommen wurde. Doch bereits der letzte Satz des Klappentexts (âDoch als Theatermann hat er seine Spuren hinterlassen, die dieser Band in Form eines subjektiven Erfahrungsberichts [âŠ] nachzeichnet.â) widerspricht nicht nur dem Anspruch dieses Untertitels und damit der durch diesen geweckte Erwartung, sondern er weist schon hier darauf hin, dass die Publikation diesem Anspruch allgemein und dem wissenschaftlichen wie Ă€sthetischen FeingefĂŒhl, deren ein solches Unternehmen bedurft hĂ€tte, gar nicht genĂŒgen kann.
Die Struktur der Publikation bestĂ€tigt die Herangehensweise der Verfasserin die Theaterarbeiten Schlingensiefs chronologisch zu besprechen. Dies ist sicher sinnvoll, denn eine Betrachtung des Verlaufs der Entwicklung des Ćuvres ist aufgrund der engen AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisse der Werke untereinander â keines wĂ€re ohne die vorhergegangenen so denkbar â als obligatorisch anzusehen. Auch wenn die Verfasserin eigentlich nur die Theaterarbeiten Schlingensief behandeln möchte (aus denen sie Arbeiten fĂŒr das Musiktheater fragwĂŒrdigerweise ausklammert, siehe Nachtrag), so beginnt sie doch beim Film, dem Ursprungsmedium seiner Ă€sthetischen TĂ€tigkeit. Da bei einem KĂŒnstler wie Schlingensief die Grenzen zwischen den Ausdrucksformen ohnehin schwer zu ziehen sind, ist dies eine verstĂ€ndliche, wenn nicht sogar erforderliche Herangehensweise (auch wenn es dabei bleibt und andere Ausdrucksformen keine BerĂŒcksichtigung finden). Der Film nimmt ĂŒberdies eine omniprĂ€sente Sonderstellung ein, dem die Publikation durchaus Ausdruck verleiht. Mit ihm zu beginnen ist also nur logisch und richtig, da die BĂŒhnenarbeiten ohne BerĂŒcksichtigung des Mediums Film weder möglich noch sinnvoll oder tatsĂ€chlich verstĂ€ndlich wĂ€ren. Leider erfĂ€hrt man ĂŒber grobe Umrisse des âInhaltsâ der Filme hinaus â dieser ist in der Gattung des Trashfilms ohnehin nur schwer auszumachen â kaum Wertvolles oder auch nur VerstĂ€ndliches ĂŒber diese Filme, geschweige denn ĂŒber das Filmische als zentraler Aspekt nachfolgender Kunstwerke. Das bleibt auch bei der Betrachtung anderer Arbeiten ein Grundproblem der Publikation: Es bleibt beim ânacherzĂ€hlenâ â wie die Autorin das selbst nennt â entweder grober AblĂ€ufe oder einzelner zumeist skurriler Details.
Schon die Form der KapitelĂŒberschriften â diese beginnen immer mit âKunst undâ und werden durch eine Unterschrift ergĂ€nzt â machen deutlich, wie sehr sich dieses Buch in Marginalien und KuriositĂ€ten verliert. Dies passiert allzu oft â zum Beispiel gerade in deutschen Feuilletons â immer dann, wenn der Autor mit dem Gegenstand Ă€sthetisch, perzeptiv oder gar intellektuell ĂŒberfordert ist. Dann ergehen sich Autoren in biografischen NebensĂ€chlichkeiten, scheinbaren Provokationen und situativen ĂuĂerlichkeiten, anstatt sich tatsĂ€chlich mit dem Gegenstand konstruktiv und kritisch auseinander zu setzen. Dies geschieht in der Betrachtung Schlingensiefscher Arbeiten besonders hĂ€ufig, da diese in der Tat nicht so leicht mit herkömmlichen Mitteln des Kulturjournalismus zu greifen sind. Wenn also die gebratene Pute im Theaterabend Schlingensief intim zum zentralen Betrachtungspunkt wird, die dies untermauernd gleichsam in der KapitelĂŒberschrift genannt wird â âKunst und GeflĂŒgelâ â, dann hat der Fokus hier definitiv den Gegenstand der Betrachtung verfehlt.
Biografische und private Details aus dem Leben der Verfasserin erschweren die LektĂŒre zusĂ€tzlich, die dem am speziellen Theater eines Christoph Schlingensief interessierten Leser bei dem Vorhaben sich diesem zu nĂ€hern nicht nur nicht weiterhelfen, sondern die in einem solchen Kontext schlichtweg obsolet sind. Es ist fraglich, worin der erkenntnistheoretische Mehrwert fĂŒr den Leser einer solchen Publikation in esoterisch-feministisch angehauchten Beschreibungen der VerĂ€nderungen des Körpers der Verfasserin durch eine Schwangerschaft und die darauf folgende Geburt liegt. Der Versuch durch die Nennung einiger politischer wie sozialer und kultureller Ereignisse die Werke Schlingensiefs mehr oder weniger âkulturhistorischâ einen Rahmen zu geben, muss leider an der Auswahl dieser scheitern, die vielleicht weniger marginal fĂŒr die jeweilige Zeit sind, als mehr den konkreten Zusammenhang zum Gegenstand vermissen lassen. Der Zusammenhang besteht oftmals lediglich in persönlichen Erfahrungen der Verfasserin. NatĂŒrlich muss eine gewisse SubjektivitĂ€t in der Betrachtung performativer Kunst immer mitgedacht werden. Das liegt in der Ă€sthetischen Natur der Sache. Daraus resultiert aber gleichzeitig keine Rechtfertigung fĂŒr die memoirenhafte Ausbreitung privater bis intimer Aspekte aus dem Leben der Verfasserin â auch nicht durch eine Deklaration der Publikation als âsubjektiver Erfahrungsberichtâ.
Dennoch muss der Publikation zugute gehalten werden, dass einige grundlegende Funktionsweisen und Mechanismen sowie Motive und deren Variationen in den Arbeiten Schlingensiefs beschrieben werden: zum Beispiel wie sehr Schlingensief gerade â aber nicht nur â in seinen stark politisch motivierten Arbeiten wie Bitte liebt Ăsterreich! âeinen wunden Punkt zu berĂŒhren [âŠ] vermagâ (S. 49). Innerhalb der Beschreibung dieser Arbeiten arbeitet die Verfasserin das fĂŒr Schlingensief typische Konzept von Wahrheit als das, was möglich ist (âwahr ist, was wahrscheinlich istâ) heraus, das sie gleichsam in enger Verwandtschaft zu GrundsĂ€tzen des in seinen Arbeiten stets prĂ€senten Schamanismus ansiedelt. Dabei geht es beispielsweise darum, dass zwischen dem, was innerhalb einer Trance âpassiertâ und der âRealitĂ€tâ kein Unterschied besteht. Schlingensiefs Theater sei zwar âein deutlich sichtbares unsichtbares Theaterâ (S. 38) aber die Grenzen von Wahrheit und theatralem Als-ob sind â in Arbeiten wie Bitte liebt Ăsterreich! â flieĂend. Das ist womöglich auch das, was die Autorin mit âKunst und Nichtkunstâ meint â leider sehr uneindeutige und unscharfe Begriffe, die keine nĂ€here Bestimmung erfahren. Dies ist nur ein Beispiel fĂŒr die Funktionsweisen und Mechanismen des Schlingensiefschen Theaters, die die Publikation erlĂ€utert. Leider ist aber sehr viel Selektion und Filterarbeit des Lesers nötig, um diese wichtigen und richtigen Erkenntnisse freizulegen. Zureichend gelingt dies eigentlich nur demjenigen Leser, der bereits mit der Thematik vertraut ist, was dem Ăberblicksartigen und Zusammenfassenden dieser Publikation eigentlich widerspricht.
Zur UnterfĂŒtterung der werkbezogenen Betrachtungen werden kulturwissenschaftliche, zum Teil theaterwissenschaftliche Theorien eingefĂŒhrt, deren Denkmodelle eine AnnĂ€herung generell erleichtern und besser nachvollziehbar machen sollen. Jedoch sind diese massiv reduziert â teilweise auf ihre Begriffe â und der Bezug zum Gegenstand wird fĂŒr den Leser selten direkt erkennbar. Beispielsweise werden Begriffe wie âFeedbackschleifeâ von Erika Fischer-Lichte eingefĂŒhrt, ohne diese nĂ€her zu erlĂ€utern, noch mit diesen wirklich zu argumentieren. Selbst wenn der Leser mit diesem Begriff vertraut ist, kann er den Zusammenhang zwischen Gegenstand und Begriff meist nur erahnen. Historische GröĂen der TheaterĂ€sthetik wie Brecht und Artaud sowie deren bekannteste LehrsĂ€tze (V-Effekt, Theater der Grausamkeit) werden lediglich im Stile eines âNamedroppingsâ plaziert, ohne diese wirklich anzuwenden. Ăber theaterwissenschaftliche Begriffe hinaus mĂŒssen die BezĂŒge zu Begriffen wie zum Beispiel LiminalitĂ€t (Victor Turner) ganz und gar selbststĂ€ndig hergestellt werden. Neben der Reduzierung wissenschaftlicher Theorien werden einige auch noch schlichtweg falsch dargestellt: So ist die ErklĂ€rung des berĂŒhmten Beuysâschen Ausspruchs âJeder Mensch ein KĂŒnstler!â durch âgemeint war, dass nĂ€mlich jeder das Kreative in sich habeâ (S. 122) nicht nur auf ein Minimum an Bedeutung dezimiert, sondern auch einfach unwahr. So muss beim Lesen nicht nur zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterschieden werden; diese mĂŒssen gleichsam nach richtig und falsch gefiltert werden.
Weitere zum Teil gravierende Fehler sind auf der Ebene der Orthografie zu finden: Marcel Duchamp immer wieder ein âsâ anzuhĂ€ngen, Niki de Saint Phalle das âhâ zu unterschlagen und von einem âCo-Repetitorâ zu berichten, spricht weder fĂŒr die Weltgewandtheit noch fĂŒr die Sorgfalt der Verfasserin (und ihres Lektors). Ebenso ist der sprachliche Stil in weiten Teilen gewöhnungsbedĂŒrftig. Dieser ist einerseits stark von Ellipsen geprĂ€gt, die nicht nur die Lesbarkeit im Allgemeinen erschweren, sondern gleichsam SinnzusammenhĂ€nge im Speziellen entstellen. Viele AbsĂ€tze mĂŒnden immer wieder in scheinbar universell einsetzbaren inhaltsleeren Floskeln wie âder Sinn des Lebensâ (oder spezieller in SĂ€tzen wie â[d]iese Vorhersehbarkeit liebe ich wie die Musik von Cage und das Leben, wenn es mich trifftâ). Andererseits ist die Stilhöhe einiger Beschreibungen schlicht unangemessen: Formulierungen wie âKopfgrippeâ, âFarb- oder Wichsfleckenâ, âgeschrien, gefickt, gekotzt und gemetzeltâ sowie die wiederkehrenden Verdauungsmetaphern (âZum ersten Mal [âŠ] fĂŒhle ich mich dabei als Zuschauerin nicht wie durch einen Darmkanal gewalktâ oder auch âkann ich mich von hier an durch meinen Wahrnehmung nur noch hindurchtreiben lassen, wie durch die Schlingen eines Verdauungskanalsâ S.77) usw. sollen jugendlich salopp und ironisch augenzwinkernd wirken, in AnnĂ€herung an kulturjournalistischen Stil, der durch das gezielte Verlassen der eigenen Stilhöhe auf gewisse zum Teil extreme Aspekte des zu betrachtenden Gegenstandes verweist. Das Ergebnis jedoch ist durch die hochfrequente Abweichung von der Stilhöhe sowie das damit verbundene Abgleiten ins VulgĂ€re keineswegs ein solcher Stil.
Zusammenfassend muss das anspruchsvolle und sehr ambitionierte Projekt einer Retrospektive ĂŒber die Theaterarbeiten Christoph Schlingensiefs innerhalb dieser Publikation leider als gescheitert betrachtet werden, auch und gerade unter BerĂŒcksichtigung der Ambitionen und des persönlichen Einsatzes der Verfasserin. Die Homepage des KĂŒnstlers www.schlingensief.com ist zum Beispiel im Vergleich informativer bzw. sind die Informationen wesentlich leichter zugĂ€nglich, insbesondere dann, wenn es um einen chronologischen Ăberblick ĂŒber das Ćuvre dieses KĂŒnstlers geht.
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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas. URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=534 Copyright by www.theaterforschung.de
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