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Erinnerungsspiele: Memoriale Vermittlung des Zweiten Weltkrieges im französischsprachigen Gegenwartsdrama


Ort: Tübingen
Verlag: Gunter Narr Verlag
Jahr: 2008
Autor(en): Christine Felbeck
Autor der Rezension: Kerstin Beyerlein
ISBN: 978-3-7720-8257-3
Umfang / Preis: 377 Seiten / EUR 78.00 / SFR 132.00




In ihrer Dissertation hat Christine Felbeck sich das Ziel gesetzt, die literarischen Strategien zu untersuchen, mit denen zeitgenössische französische Theaterautoren in ihren Texten die Thematik des Zweiten Weltkrieges verarbeiten und vermitteln.
Die Relevanz der Fragestellung arbeitet die Verfasserin vor dem Hintergrund einer gegenwärtigen Epochenschwelle in der Erinnerungs- und Gedächtniskultur heraus, die in dem Ableben der Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges und dem damit einhergehenden Übergang von einer individuellen, unmittelbaren zu einer medial vermittelten, kollektiven Form der Erinnerung ihren Ausdruck findet. Ausgehend von dieser Beobachtung fragt Felbeck nach den Schreibweisen einer Autorengeneration der Nachgeborenen, denen ein direkter Zugriff auf das geschichtliche Ereignis verwehrt bleibt, die sich aber gleichzeitig der Notwendigkeit einer zunehmend problematisch werdenden Erinnerung und ihrer Vermittlung bewusst sind.
Die präzise durchgeführten Analysen arbeiten die verschiedenen Umsetzungsmodalitäten der Memoria-Thematik sorgfältig heraus. Sie führen dem Leser die Adäquatheit der angewendeten Lektürefolie für die ausgewählten Texte klar vor Augen und bestechen durch ihr Vermögen gleichzeitig der Spezifik der unterschiedlichen Schreibweisen Rechnung zu tragen. Anzumerken ist, dass die Studie ausschließlich auf literaturwissenschaftlichem Terrain agiert und die szenische Finalität der untersuchten Theatertexte aus ihrem Untersuchungsfeld ausgrenzt. Diese Beschränkung ist aus pragmatischer Sicht mit Blick auf den Umfang der Arbeit mehr als verständlich und nachvollziehbar, vor allem für theaterwissenschaftlich interessierte Leser jedoch – vor allem da sie nicht weiter reflektiert wird – bedauerlich.

Methodik und Aufbau der Arbeit
Die Arbeit gliedert sich in drei Abschnitte: Auf ein einleitendes Theorie- und Kontextualisierungskapitel (ca. 50 S.) folgt der textanalytische Hauptteil der Arbeit (ca. 200 S.), der abschließend in eine kurze Zusammenführung der Ergebnisse (ca. 10 S.) mündet.
Methodisch situiert sich die Studie im Horizont einer als Kulturwissenschaft praktizierten Literaturwissenschaft[1]. Sie verknüpft die Frage nach der literarischen Gestaltung der Erinnerungs- und Vermittlungsproblematik daher mit gängigen kulturwissenschaftlichen Memoria-Theorien, die einleitend überblicksartig vorgestellt werden. Auf leserfreundliche Art steigt Felbeck hier direkt in die Materie ein, ohne die umfangreiche Forschungsliteratur zu diesem Thema getrennt zu referieren. Dieses synthetisierende Vorgehen gewährleistet eine stringente Gestaltung des theoretischen Vorlaufs, der sich mit Blick auf die folgenden Textanalysen durch seine Funktionalität auszeichnet.
Der zentrale Teil der Arbeit widmet sich der Untersuchung von insgesamt 15 Texten, welche die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg als handlungsrelevantes Thema in Szene setzen. Die enge thematische Fokussierung bringt es mit sich, dass dank intensiver Recherche von Felbeck auch weniger bekannte und noch nicht kanonisierte Autoren Eingang in den Textkorpus gefunden haben (tatsächlich handelt es ausschließlich um männliche Autoren – ein Umstand, der Felbeck zufolge nicht intendiert war). Indem sie ihrer Studie ein auf Vollständigkeit angelegtes Literaturverzeichnis und einen Anhang mit ausführlichen Stellungnahmen der behandelten Autoren beifügt, wird hier ein bisher kaum bearbeitetes Terrain für die deutsche Romanistik fruchtbar gemacht. Die Einarbeitung des parawissenschaftlichen Materials erweist sich aufgrund der recht dünn gesäten Forschungsliteratur zu den einzelnen Autoren als sinnvolle und adäquat gehandhabte Ergänzung.
Für die Durchführung der Textanalysen erarbeitet Felbeck eine effiziente Vorgehensweise, mit der sie zum einen die in den Texten vermittelten Erinnerungsdiskurse herausarbeitet und zum anderen die formal in die Texte eingeschriebenen Gedächtnisstrukturen transparent werden lässt. Eine wesentliche Grundlage bildet hierfür die erinnerungstheoretische Terminologie von Jan und Aleida Assmann und deren periodisierende Unterscheidung zwischen kommunikativem, kollektivem und kulturellem Gedächtnis. Mit Hilfe dieser Beschreibungskategorien für die dynamische Verschiebung von Erinnerungshorizonten zwischen den Generationen nimmt Felbeck das „Schreiben auf der Schwelle“ (S. 259) der hier behandelten Autoren genauer in den Blick und lässt es als Ausdruck und Verarbeitung ihrer memorialen Umbruchssituation Kontur annehmen.
Auf dieser Grundlage untersucht die Verfasserin jeden Text in zwei Schritten: Zunächst befragt sie die Handlungsebene danach, „wer sich woran, wie und zu welchem Zweck erinnert, und wie Erinnerung und Gedächtnis – wenn überhaupt – kommuniziert, vermittelt und verhandelt werden“ (S. 47). Aus dieser Fragestellung ergibt sich die weitere Untergliederung des textanalytischen Kapitels in unterschiedlich konzipierte Schwellenerfahrungen, je nachdem ob ein Text die Erinnerungsthematik als ein Problem der Sprache, der Topographie oder des Bewusstseins verhandelt. In einem zweiten Schritt wendet sie sich den Konstruktionsprinzipien des Theatertextes zu und untersucht neben den formalen Eigenschaften vor allem unter Rückgriff auf Renate Lachmanns Intertextualitätsbegriff, welche kulturellen Prä-Texte ihnen eingeschrieben sind und wie diese von den Autoren funktionalisiert werden. Mit dieser Perspektive fokussiert sie Gedächtnisstrukturen, die jenseits der Plotebene Eingang in die formalen Eigenschaften der Texte gefunden haben.

Textanalysen
Den einzelnen Analysen stellt Felbeck eine kurze Präsentation der Autoren voran und zeigt dabei auf, wie diese ihre eigene Situation als Nachgeborene begreifen. Durch diese Kontextualisierung wird ersichtlich, dass das geschichtliche Erbe für die meisten ein zentraler Bezugspunkt für ihre Arbeit ist. Es zeigt sich, dass die grundlegende Motivation, sich thematisch dem Zweiten Weltkrieg zuzuwenden, für viele Autoren in der eigenen Biographie begründet liegt und zwar unabhängig davon, ob sie ihn selbst noch als Kind erlebt haben oder tatsächlich erst lange danach geboren wurden. So ist es für Jean-Claude Grumberg (den ältesten unter den Autoren) die Verhaftung seines Vaters mit anschließender Deportation und ausbleibender Wiederkehr, die seine Texte ausnahmslos beherrscht. Dahingegen verarbeitet Serge Kribus (der jüngste Autor) das Schweigen seines Vaters, der die schweren Kriegserlebnisse nur als belastende Leerstelle an seine Kinder weiter gegeben hat. Aber auch diejenigen, die in ihrer Familie keine markanten Erfahrungen zu verzeichnen haben, führen – wie z. B. Enzo Cormann – ihr Interesse am Thema auf den familiären Umgang mit dieser Zeit zurück, der sich freilich auch dadurch auszeichnen kann, gerade nicht praktiziert worden zu sein. Die biographischen Schlaglichter zum Analyseauftakt verdeutlichen, dass die Autoren den Zweiten Weltkrieg und die damit verbundene Vermittlungsproblematik für ihr Schreiben als bedeutsam einstufen, und zwar nicht zuletzt aus einer persönlichen Betroffenheit heraus, die allerdings auch mit einem kollektiv empfundenen Verantwortungsbewusstsein einhergeht.
Auch wenn die literarischen Umsetzungsmodalitäten letztlich sehr vielfältig sind, geht aus den Analysen hervor, dass die Texte die Erinnerungsthematik mehrheitlich narrativ gestalten. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg wird entsprechend oft auf der Figurenebene durchgespielt. Dort kann die Frage nach dem richtigen Umgang mit der Vergangenheit an Charaktere gebunden sein, die unterschiedlichen Generationen angehören und entsprechend antagonistische Haltungen einnehmen (vgl. Toujours l’orage von Enzo Cormann, Plage de la Libération von Roland Fichet oder auch die schwierigen Vater-und-Sohn-Beziehungen in Serge Kribus’ Le Grand retour de Boris S. und Gérald Auberts Le voyage). In diesen Texten tritt das Konfliktpotential, welches der Vermittlungsproblematik eingeschrieben ist, besonders plastisch hervor. Wird in ihnen vielfach eine Konfrontation zwischen der Zeitzeugen- und der Nachgeborenengeneration inszeniert, so zeigen sie aber auch Wege der Verständigung auf und münden nicht selten in einer Überwindung des Konflikts (vgl. Le Voyage) oder deuten zumindest darauf hin (Le Grand retour de Boris S.).
In ihren Analysen macht Felbeck die verschiedenen Erinnerungsdiskurse, die hier vermittelt über die einzelnen Protagonisten aufeinander treffen, transparent. Sie zeigt auf, in welche Gedächtnishorizonte die Figuren jeweils eingebettet sind und für welche Hoffnungen und Ansprüche sie letztere funktionalisieren.
Dies gelingt ihr ebenso überzeugend für die übrigen Texte, in denen Erinnerung als gemeinsam vollzogener Rückblick eines Kollektivs (Angehörige eines Kabaretts in Adieu Marion von Yoland Simon, Schneiderinnen eines Ateliers in L’Atelier von Jean-Claude Grumberg oder Dorfbewohner in L’Arbre de Jonas von Eugène Durif) oder auch als Vergangenheitsbewältigung einer einzelnen Figur inszeniert wird (vgl. Gilles Boulan Kinderzimmer, Jean-Claude Grumberg Rêver peut-être oder auch Enzo Cormann Berlin, ton danseur est la mort). Nur sehr wenige Texte, nämlich insbesondere Violences



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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=523
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