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Fiktion, Wahrheit, Wirklichkeit: Philosophische Grundlagen der Literaturtheorie


Ort: Paderborn
Jahr: 2007
Autor(en): Maria E. Reicher (Hg)
Herausgeber: Maria E. Reicher
Autor der Rezension:
ISBN: 978-3-89785-354-6
Umfang / Preis: 207 Seiten / EUR 19.80 / SFR 34.00




„...die wirkliche Welt ist viel kleiner als die phantastische...“
Friedrich Nietzsche: „Morgenröte“


Wen oder was benannte Shakespeare mit „Oberon“? Wieso schmachten wir mit Hermia, lachen über Pucks Späße? Ist der „Sommernachtstraum“ nun eine Liebesgeschichte, Komödie, oder ging es Shakespeare um Machtkritik und Doing Gender? Und hat der Dramenschmied eigentlich gelogen, als er die Geschichte niederschrieb? – Neben Erbauung und Vergnügen kann fiktionale Literatur auch gewichtige Forschungsfragen aufwerfen. Vier zentrale Themenfelder der Literaturtheorie werden im Sammelband „Fiktion, Wahrheit, Wirklichkeit“ aus philosophischer Perspektive in den Blick genommen: das sprechakttheoretische Unterscheidungskriterium zwischen fiktionalen von nichtfiktionalen Texten; der ontologische Status von fiktionalen Gegenständen und Figuren; der Grund der emotionalen Anteilnahme an solchen; und die objektive Geltung von Textinterpretationen. Im Band werden jeweils zwei verschiedene Antwortstrategien pro Fragestellung präsentiert, die hier kurz skizziert werden sollen.

Was genau tat Emily Brontë als sie „Sturmhöhe“ schrieb? – Die Frage, ob der illokutionäre Akt, die performative Rolle der fiktionalen Rede – also das Schreiben oder Erzählen – ein anderer sei als der einer Äußerung, beantwortet John Searle mit einem klaren Nein. Denn wäre das der Fall, so Searle, dann hätten alle Worte fiktionaler Rede nicht ihre gebräuchliche Bedeutung, und diese wäre gleichsam der Vollzug einer anderen Sprache. Das hält er für unplausibel. Für ihn tätigt daher beispielsweise eine Romanautorin gar keinen illokutionären Sprechakt. Sie gibt vielmehr vor eine Behauptung aufzustellen, schreibt sozusagen in imitierender Pose. Selbstredend meint Searle dies nicht so, dass die Autorin eines Textes lügt, sondern einen „Pseudo-Vollzug ohne Täuschung“ unternimmt. Fiktionale Rede ist demnach bestimmt durch die intendierte Als-Ob-Äußerung der Autorin.

Dieser Ausführung widerspricht Gregory Currie und bezeichnet Searles Argument als unschlüssig. Schließlich ist auch ein vorgegebener Vollzug ein illokutionärer Sprechakt, sobald er eine Bedeutung manifestiert. Entscheidend ist aus seiner Sicht nicht die Imitation der Autorin, sondern dass der Leserin deren Intention klar werde und sie dieser folge. Die erkannte Intention sei demzufolge völlig ausreichend für die Kennzeichnung eines fiktionalen Textes. Die Als-Ob-Haltung sei hier auf der Seite der Leserin zu finden. Das könne natürlich auch schief gehen, wie Currie zugibt, weshalb er eine sekundäre Kennzeichnung des Fiktionalen hinzufügt: Die in einem sozialen Gefüge vorherrschende Meinung über einen Text bestimme dessen Status. Ganz gleich, ob Defoe intendierte die Leserinnen mit „Robinson Crusoe“ zu täuschen oder nicht, wir behandeln das Werk als Fiktion. Zudem ermögliche seine Theorie, so Currie, zwischen Autorin und Schauspielerin zu unterscheiden. Während erstere wirklich einen illokutionären Akt vollzieht, nimmt die Mimin nur eine Als-Ob-Pose ein.

Existieren Pegasus, Humpty Dumpty und Kollegen wirklich in irgendeiner Weise? Und falls nicht, wie kann man dann über sie sinnvoll sprechen? – Zur Klärung der Frage nach dem ontologischen Status von fiktiven Figuren und Gegenständen zieht Wolfgang Künne die logische Theorie Gottlob Freges heran und widmet sich vornehmlich jenen Paradoxien, die Terence Parsons dieser aufgegeben hat. Der Theorie zufolge lassen sich keine wahren Aussagen über fiktive Gegenstände treffen, da diese nicht existieren. Nun kann man aber sehr wohl wahre Aussagen tätigen, die sich zum Beispiel auf Sachverhalte innerhalb von fiktiven Texten beziehen. So hat es Herakles nie gegeben und dennoch ist es wahr zu behaupten, dass er die Ställe des Augias an einem Tag ausgemistet hat. Künne ist der Auffassung, dass die Fregeanische Logik auf solche Schwierigkeiten antworten könne. Man müsse die Aussagen über fiktive Charaktere lediglich paraphrasieren, mit für den logischen Zeichencorpus speziellen „Fiktionsoperatoren“, und könne diese dann auch mit Frege als wahr bezeichnen. Bei Künne gestaltet sich das folgendermaßen:

„Der [kontextuell relevanten] fiktionalen Geschichte zufolge rauchte Sherlock Holmes Opium“.

Mittels ähnlichen Paraphrasierungen ließen sich auch andere Probleme bezüglich fiktiver Texte in den Griff bekommen, zum Beispiel Aussagen, die verschiedene fiktive Texte – etwa ein Vergleich von Hauptfiguren – betreffen.

Gegen ein allgemeines Programm der Paraphrasierung führt Peter van Inwagen eine Reihe von Beispielen ins argumentative Feld. Während Paraphrasen sicherlich in bestimmten Fällen Problemlösungen anböten, treffe dies nicht auf alle zu. Seiner Ansicht nach gibt es fiktionale Charaktere in dem Sinne, dass man wahre und falsche Aussagen über sie treffen kann. In ontologischer Hinsicht sieht er keinen Unterschied zwischen dem Ausdruck „existieren“ und „es gibt“. Ihm zufolge existierten etwa Romanfiguren als zu einer eigenen Entitätenklasse gehörend, die er „fiktionale Geschöpfe“ nennt. Diese zählten als Unterklasse zu den „theoretischen Entitäten der Literaturwissenschaft“. Sie können nur literarische (etwa Arthur Gordon Pym ist eine Figur bei Poe), aber keine menschlichen (groß und ein Mensch) Eigenschaften besitzen. Letztere fasst Inwagen lediglich als Zuschreibungen, also Behauptungen auf. Weil fiktionalen Geschöpfen bestimmte Eigenschaften schlicht fehlten, könne man so das abgeleitete Problem der Existenzfrage umgehen.

Macht uns Mr. Hyde wirklich Angst oder täuschen wir uns hier in der Selbstbeschreibung? – Kendall R. Walton untersucht, warum wir uns vor Fiktionen fürchten. Offenkundig sei das grundlos, da diese uns gar nicht physisch beeinflussen könnten. Uns kann Nosferatu von der Leinwand gar nicht an die Gurgel springen. Walton ist der Auffassung gegenüber skeptisch, der zufolge man sich psychologisch respektive emotional in Geschichten einfühle, weil solcherart Erklärung etwas Mysteriöses anhafte. Zunächst stellt er fest, dass man in diesen Fällen gar keine Angst empfinde, auch wenn die körperlichen Reaktionen dies vermuten ließen. Angst setze immer eine reale Gefahr voraus und bei Fiktionen wisse man ja genau, dass diese nicht gegeben ist. Fiktionale Propositionen sind seiner Meinung nach in jeweils „fiktionalen Welten“ – also einem Buch, einem Film, einem Rollenspiel – angesiedelt, in denen wir uns während der Rezeption bewegen. Er nennt diese Propositionen „Als-Ob-Wahrheiten“. Dementsprechend verspüre man eine „Als-ob-Angst“, wenn man sich etwa in Horror-Spektakeln gruselt. Man stelle sich vor Angst zu haben, weil wir in das Als-Ob-Spiel der Fiktionen eingeübt seien. Dies gelte auch für andere Emotionen, die von fiktiven Werken ausgelöst werden.

Dass wir wirkliche Emotionen hinsichtlich fiktionaler Werke haben, ist die Position von Alex Neill. Ihm zufolge sei es möglich, dass man trotz des Wissens um die Fiktionalität einer Figur mit ihr leiden kann. Er untersucht die Struktur dieses Gefühls und bedient sich des Begriffs der Perspektive. Man könne demzufolge bei fiktionalen Werken den Standpunkt einer Figur einnehmen, genauso wie dies bei real leidenden Menschen der Fall ist, von denen man nur aus der Zeitung erfährt. Wichtig seien hierbei unsere Überzeugungen innerhalb der jeweiligen Perspektive. Darum kennzeichnet Neill die Empfindungen als echte und nicht als Quasi-Emotionen. Zum Schluss der Analyse betont Neill ausdrücklich, diese nur bezüglich des Mitleids vollzogen zu haben. Zwar lasse sich der Befund auch auf andere, aber sicherlich nicht alle Emotionen übertragen.

Sagt Thomas Manns Intention etwas über Bedeutung von „Mario und der Zauberer“ aus? Und wie kann man sich über die Gültigkeit seiner interpretierten Absicht überhaupt gewiss sein? – George Dickie und W. Kent Wilson üben sich in der Verteidigung der anti-intentionalistischen Position von Monroe C. Beardsley. Im Zentrum ihres Beitrags steht der „intentionalistische Fehlschluß“, der die Fragestellung beinhaltet inwieweit die Absichten einer Autorin bezüglich der Signifikanz, Evaluation und Interpretation ihres Werkes relevant sind. Es sei, so die Kritik, kein zulässiger Schluss anzunehmen, dass die Bedeutung, die eine Verfasserin ihrem Text beimisst, und die Bedeutung des Werkes an sich identisch sind. Dickie und Wilson diskutieren die gegen dieses Fehlschlussargument vorgebrachten Einwände, um zu einer negativen Rechtfertigung der These zu gelange, wohl wissend, dass damit andere Kritikstrategien nicht gleichsam abgewiesen sind.

Axel Bühler schließlich verteidigt die intentionalistische Position, allerdings in einer spezifischen Form, die er „hermeneutischen Intentionalismus“ nennt. Zunächst erklärt er mit Bezugnahme auf die Psycholinguistik den Begriff der Absicht bezüglich der Textproduktion. Dabei hält er fest, dass Absichten nur einen Teil dessen ausmachen würden, was im Text beabsichtigt geäußert wird. Grammatikalische Struktur, Lautgestaltung und Wortwahl fielen häufig nicht unter den absichtlichen Teil einer Äußerung. Die hermeneutische Variante ist ein schwacher Intententionalismus, der es als einen wichtigen Aspekt unter anderen ansieht, bei Interpretationen die Aussageabsichten der Autorin herauszufinden. Indem er sich auf die Absichten beschränke, so Bühler, umgehe diese Form des Intentionalismus die Kritik an Positionen, welche Textbedeutung mit Autorenintention gleichsetzen.

Trotz seiner holzschnittartigen Verknappung lässt der kurze Abriss erkennen, dass der Sammelband eine interessante Kontrastierung literaturtheoretischer Fragestellungen beinhaltet. Auch wenn solch ein Kompendium notwendigerweise einen Ausschnittcharakter – hier zum Beispiel bezüglich der Art fiktionaler Texte auf die Sprechakttheorie – haben kann, vermittelt der Band einen Einblick in die Breite des Themenspektrums. Dazu verhilft besonders die Einleitung durch die Herausgeberin Maria E. Reicher. Dennoch hätte man gern die Auswahlkriterien der Beiträge erfahren. Sieben davon datieren zwischen 1974 und 1995 und der einzige Originalbeitrag – von Bühler – nimmt noch dazu direkt Stellung auf den vorangegangen Aufsatz – von Dickie und Wilson –, was ein gewisses argumentatives Ungleichgewicht schafft. Neben einigen prägnanten Texten sind andere für ein grundlegendes Verständnis der jeweiligen Diskussion zu speziell. In dieser Hinsicht sticht besonders der Aufsatz Künnes ins Auge. Für philosophiehistorische Erwägungen sicherlich instruktiv, ist die Relevanz der Fregeanischen Bedeutungslehre für eine Debatte innerhalb der Literaturtheorie zumindest nicht sofort ersichtlich. Hervorzuheben bleibt die Leistung, die aus dem (amerikanischen) Englisch stammenden Texte zum Großteil in deutschen Erstveröffentlichungen und in neu durchgesehenen Fassungen vorzulegen, und durch ein Personenregister den raschen intertextuellen Zugriff zu ermöglichen.




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Erstellt am: 17.02.2008