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AngstBilderSchauLust: Katastrophenerfahrungen in Kunst, Musik und Theater


Ort: Leipzig
Verlag: Henschel Verlag
Jahr: 2007
Autor(en): Jürgen Schläder (Hg)
Herausgeber: Jürgen Schläder, Regina Wohlfarth
Autor der Rezension: Anneka Esch-van Kan
ISBN: 978-3-89487-573-2
Umfang / Preis: 272 Seiten / EUR 29.90




AngstBilderSchaulust, herausgegeben von Prof. Dr. Jürgen Schläder und Regina Wolfahrt, versammelt die Beiträge zu einer 2005 von den Kunstwissenschaften an der Ludwig Maximilians Universität München veranstalteten Ringvorlesung zur Katastrophenerfahrung in der Kunst. Renommierte Professoren und Promovierte aus den Bereichen Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Literatur- und Theaterwissenschaft analysieren in Einzelstudien und historischen Überblicken Darstellung und Umgang mit (Natur-)Katstrophen in Kunst, Musik, Theater und Medienkunst vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert. Seit dem 18. Jahrhundert zeichne sich, so die Grundannahme des Sammelbandes, ein Paradigmenwechsel in der künstlerischen Darstellung von Katastrophen ab. Technische und musikalische Innovationen erlaubten eine größere Realitätsnähe insbesondere in einer bildhaften Darstellung von Katastrophen und führten zu einer auch heute noch dominanten „Ästhetik der Bilder“.

Zur Konzeption des Sammelbandes

Im anderthalbseitigen Vorwort werden einige Hauptthesen und allgemeine Entwicklungstendenzen herausgehoben, die die verschiedenartigsten Beiträge einen sollen. Die künstlerische Darstellung von Katastrophen werde seit dem 18. Jahrhundert zunehmend ästhetisiert und Katastrophen selbst würden zum Kunstobjekt stilisiert. Neben der Akzentuierung des allgemein wachsenden Interesses werden einige Aspekte und Spannungsfelder der Katastrophendarstellung herausgestellt, die sich in einer Vielzahl der Aufsätze (wenn auch in unterschiedlicher Akzentsetzung) wiederfinden. Insbesondere die paradox erscheinenden Entwicklungen der Steigerung der Realitätsnähe und Drastik der Darstellung des Schrecklichen bei gleichzeitig wachsender Distanzierung des Betrachters zum Dargestellten wird herausgehoben. Ein weiteres Spannungsverhältnis wird besonders in den Beiträgen zu musikalischen Verarbeitungen aufgenommen, die eindringlich die paradoxen Ansprüche – der Erzeugung einer unmittelbaren Erfahrung bei gleichzeitiger Forderung der Aufrechterhaltung des eigenen (schönen) Kunstcharakters - thematisieren. In vielen Fällen würden diese Spannungsverhältnisse in einer intensiverten Reflexion der künstlerischen Verarbeitung in den Kunstwerken selbst sichtbar werden. Ein immer wiederkehrender Topos sei zudem das Verständnis von Katastrophen als Strafen Gottes oder der Natur, wobei diese Lesart bei zeitgenössischen Werken eher in den Hintergrund zu treten oder als Abgrenzungsfolie zu dienen scheint.

Der Titel des Sammelbandes ließe vermuten, dass ein systematischer Zusammenhang zwischen den ohne Trennung ineinanderfließenden Begriffen „Angst“, „Bilder“ und „Schaulust“ hergestellt würde. Über die schon im Vorwort vorweggenommene Bemerkung, dass „Bilder der Angst“ immer auch „Bilder der Überwindung von Angst“ seien und dass es zu einer Steigerung der Drastik bei gleichzeitiger Distanzvergrößerung komme, die letztlich auf den Lustgewinn durch die Befriedigung von Schaulust zurückzuführen sei, wird die Beziehung zwischen diesen Begriffen jedoch in den einzelnen Aufsätzen nicht näher bestimmt und theoretisiert. Der im Untertitel eingeführte Begriff der „Katastrophen-ERFAHRUNGEN“ wird über kurze Bemerkungen im Vorwort hinaus lediglich unterschwellig zum Thema, in keinster Weise aber systematisch angewendet oder definiert. Ebenso wie in Bezug auf „Angst“, „Bilder“, „Schaulust“ und „Erfahrung“ weder von einer einheitlichen Definition ausgegangen noch eine systematische Verbindung erarbeitet wird, erscheint auch der Begriff der „Katastrophe“ eher unklar. Während im Vowort und im einführenden Beitrag von Prof. Dr. Dieter Groh „Zur Anthropologie der Naturkatastrophen“ eindeutig das Thema des Bandes in der Darstellung von NATUR-Katastrophen angelegt ist, findet sich ebenso ein Beitrag zur Endzeitstimmung und Todessehnsucht in Literatur und Malerei des Fin de siècle. Die weder nach Kunstformen noch nach Epochen oder Themen geordneten Beiträge erscheinen wie ein Kaleidoskop an, in sich homogenen, im Rahmen des Sammelbandes aber ungeordneten Eindrücken, die sich eher sinnlich als systematisch dem Thema der „Katastrophenerfahrung“ zuwenden. Eben dies, so sollte eingeräumt werden, könnte auf Basis der im Vowort unterstrichenen Absichtlichkeit einer thematischen, zeitlichen und diziplinären Offenheit im besten Falle auch die Absicht der Herausgeber treffen.

AngstBilderSchaulust mag Defizite in der Systematisierung und Begriffsschärfe aufweisen, versammelt jedoch eine Vielzahl an für sich stehend erstklassigen Beiträgen, die mit einer Vielzahl teils auch farbiger Abbildungen von Kunstwerken und Partituren bereichert zu einem wahren Lesevergnügen werden. Die Abbildungen erlauben die unmittelbare Überprüfung der aufgestellten Thesen an den besprochenen Werken, wenn dies auch mit gelegentlichem Blättern verbunden sein mag, da sich nicht jede Abbildung gleichzeitig mit der Besprechung des jeweiligen Bildes auf einen Blick erfassen lässt. Ein dem Sammelband nachgestelltes Register zu in den Aufsätzen erwähnten Künstlern, Literaten, Wissenschaftlern sowie Kunstwerken, erlaubt das unaufwendige Durchstöbern des Bandes nach einschlägigen Passagen und Beiträgen zu verschiedenen Interessengebieten.

Obgleich AngstBilderSchaulust von Prof. Dr. Schläder, dem Geschäftsführer des Theaterwissenschaftlichen Instituts der Universität München herausgegeben ist, dürfte der Sammelband für Theaterwissenschaftler auf Grund des weit stärkeren Fokuses auf Bildender Kunst und Musik ein Enttäuschungspotential in sich bergen. Die Reihenfolge der Begriffe im Untertitel „Kunst, Musik und Theater“ ist sehr zutreffend, da sich lediglich Schläders eigener Beitrag „Gnade für unser Verbrechen! – Katastrophen-Dramaturgien auf dem Theater des 19. und 20. Jahrhunderts“ mit Theater auseinandersetzt und hierbei mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Musiktheater und der Oper des 19. und 20. Jahrhunderts.
Da hier nicht auf alle der elf uneingeschränkt lesenswerten Beiträge des Sammelbandes eingegangen werden kann, sollen im Folgenden jene beiden Beiträge näher beleuchtet werden, die für Theaterwissenschaftler von unmittelbarster Relevanz sein dürften: der Beitrag zum Theater von Prof. Schläder sowie ein Beitrag zur Medienkunst von Dr. Katja Kwastek.

Prof. Dr. Schläders „Gnade für unser Verbrechen! Katastrophendramaturgien auf dem Theater des 19. und 20. Jahrhunderts“

Prof. Dr. Schläder hebt in einem ersten Teil seines Beitrags „Gnade für unser Verbrechen“ die technische Perfektionierung der spektakulären Katastrophendarstellungen auf den Bühnen des 19. Jahrhunderts hervor. Sie seien zu Höhepunkt und Ziel der dramatischen Entwicklung avanciert und hätten literarischen Text und Dialog in ihrer handlungsvorantreibenden Funktion abgelöst. Die bildhafte Simulation von Katastrophen auf der Bühne deute – so Schläder – auf einen Paradigmenwechsel in der Bühnenästhetik der Zeit. Diese sich herausbildende Ästhetik der Bilder beschreibt Schläder als eine Steigerungsform realistischer Darstellung auf dem Theater und betont gleichzeitig, dass die „Differenzqualität zwischen dem katastrophalen Naturereignis in der Realität und seiner inszenierten Darstellung auf dem Theater“ (S.92) mit zunehmender Realistik der Darstellung an Brisanz gewinne. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, verstärkt aber noch im 20. Jahrhundert, komme es zu einem erneuten Paradigmenwechsel, der noch immer die bildhafte Komponente der Darstellung akzentuiere, hierbei jedoch den Zuschauer stärker als Teil des Geschehens denn als Beobachter inszeniere. Diese Inszenierungspraxis zeige Parallelen zur filmischen Repräsentation und steigere den Realismus-Effekt um ein Weiteres. In einem zweiten Teil des Aufsatzes unternimmt Schläder unter den genannten Gesichtspunkten einen Streifzug durch die Theater (bzw. Opern) Geschichte der letzten 200 Jahre mit besonderem Augenmerk auf der dramaturgischen Funktion der katastrophalen Naturereignisse als Strafen Gottes oder der Natur. Schläder betont in seinem Aufsatz, dass sich bis in unsere Gegenwart „zwar die Mittel der Repräsentanz[…], nicht aber die ästhetische Struktur der theatralen Darstellung“ (S.98) gewandelt hätten. In Richard Wagners „Walküre“ werde erstmalig ein „Erlebnis-Realismus“ inszeniert, der sich im zeitgenössischen Kino, beispielsweise in Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now!“ fortschreibe.

Als einziger sich konkret dem Theater zuwendender Beitrag fällt die Behandlung des Sprechtheaters mit einer kurzen Bermerkung, dass sich hier ähnliche Entwicklungslinien wie in der Oper nachzeichnen ließen, wesentlich zu kurz aus. Es mag überraschen, dass Schläder in keinster Weise Bezug nimmt auf im 20. Jahrhundert entspringende experimentelle Theaterformen, die mit realistischen Darstellungsweisen radikal brechen. Verschwinden Katastrophendarstellungen von den Bühnen oder kommt es vielmehr zu einer spezifischen von der Realistik des 19. Jahrhunderts abweichenden Erscheinungsform von Katastrophen im postdramatischen Theater? Zweiteres erscheint kaum von der Hand zu weisen und es hätte durchaus von Gewinn sein können diese Entwicklungen zu berücksichtigen. Die Reflexion auf eine nicht-realistische Ästhetik hätte auch Anstoß bieten können die Konzepte und Ansprüche von Repräsentation und Realismus über die Bermerkungen zur Differenzqualität der Darstellung hinaus zu hinterfragen. Um die Dominanz und Relevanz einer an einem Erlebnis-Realismus geschulten Ästhetik auch in unserer heutigen Zeit herauszustellen, verweist Schläder schließlich unvermittelt auf das zeitgenössische Kino. Es bliebe aber zu fragen, ob auf Grund der Monopolisierung eines Erlebnis-Realismus im Kino, Bühnenformen von diesem weggetrieben werden und sich neu orientieren. Die Berücksichtigung nicht-realistischer Darstellungsformen auf dem Theater hätte hier sicherlich Rechnung getragen. Insgesamt wäre Schläders in sich solider und schlüssiger Aufsatz mit „Katastrophendramaturgie in der Oper des 19. und 20. Jahrhunderts“ treffender untertitelt gewesen.

Dr. Katja Kwasteks’ „An den Grenzen der Darstellbarkeit – Katastrophen als Thema der Medienkunst“

Der einzige Beitrag im Sammelband, der sich eine Reflexion über Darstellbarkeit und Undarstellbarkeit zentral zum Thema setzt und auch der einzige, der sich mit Doug Aitkens Videoinstallation „Eraser“ einer Produktion des 21. Jahrhunderts zuwendet, ist Dr. Katja Kwasteks „An den Grenzen der Darstellbarkeit – Katastrophen als Thema der Medienkunst“. Der Schwerpunkt ihrer Analysen der Werke von Aitken einerseits und der in den 80er Jahren tätigen Berliner Performance Gruppe „Die Tödliche Doris“ andererseits, liegt auf einer „Auseinandersetzung [mit] der Wahrnehmung von Katastrophen“ und der „Auseinandersetzung der Medienkunst mit den Medien (der medialen Wiedergabe von Katastrophen)“ (S.198).
Sowohl in „Eraser“, das eine Reise des Künstlers durch die von mehreren Vulkanausbrüchen stark veränderte Landschaft und Bevölkerung der Insel Montserrat im westindischen Ozean zur Grundlage hat, als auch im „Naturkatastrophenballett“ der Gruppe „Die Tödliche Doris“ erscheinen Katastrophen nur indirekt in ihren Auswirkungen und ihrer medialen Aufbereitung. Der Fokus liegt auf der öffentlichen Wahrnehmung der Katastrophen und ihrer Folgen, wobei der Zuschauer dazu gezwungen ist sich zu den Wahrnehmungs- und Reflexionsangeboten, insbesondere in „Eraser“, zu verhalten und dabei eine indivdiuelle Perspektive einzunehmen. Anstatt die Sinnzäsur der Katastrophe zu füllen, wird diese in ihrer Sinnlosigkeit belassen. Es wird vielmehr die Wahrnehmung dieser Sinnlosigkeit selbst sowie der durch diese veränderten Welt zum eigentlichen Thema.

Kwasteks Beitrag sticht insbesondere durch seine Aktualität und durch die Wahl von Werken heraus, die eben nicht auf einen Erlebnis-Realismus angelegt sind, sondern vielmehr mit realistischen Darstellungskonventionen brechen. Wenn sie auch in ihren Überlegungen zur „Grenze von Darstellbarkeit“ und zum Verhältnis von Darstellbarkeit und Undarstellbarkeit nicht in die Tiefe geht, sondern vielmehr detaillierte Schilderungen der Installation von Aitken und der Performance der „Tödlichen Doris“ in den Vordergrund stellt, bietet ihr Aufsatz eine unverzichtbare Bereicherung und Perspektiverweiterung für den Sammelband.

Zu Aktualität und Gegenwartsbezug der Betrachtungen

In AngstBilderSchaulust werden erstrangig Werke des 18. und 19. Jahrhunderts in Betracht genommen. Es fragt sich, aus welchen Gründen auf einen stärkeren Gegenwartsbezug nicht ausschließlich in der Themenwahl sondern auch in der Theorie(bildung) zurückgegriffen wurde. Der Tsunami, der im indischen Ozean tobte, wird beispielsweise nur in der Einleitung eines Beitrages erwähnt, aber nicht näher einbezogen. Wenn Aufsätze in den Sammelband aufgenommen sind, die sich nicht mit Naturkatastrophen auseinandersetzen, sondern beispielsweise mit einer „Todessehnsucht“ im Fin de siècle, dann drängt sich die Frage auf, wieso die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und deren mediale Reproduktion und künstlerischen Verarbeitungen gar keine Erwähnung finden. So entspannt sich doch eben hier eine weitreichende Debatte um die Kraft und Gewalt von Bildern. So scheint es doch gerade zu unmöglich in unserer heutigen Zeit nicht bei dem Titel AngstBilderSchaulust – Katastrophenerfahrungen in Kunst, Musik und Theater an eben jene Bilder der einstürzenden Tower und in den Tod springenden Menschen zu denken. Es bleibt einzuräumen, dass es sich zum einen nicht um eine NATUR-Katastrophe handelt und dass es zum anderen geradezu als politische Entscheidung gelesen werden könnte diesen Bezug eben NICHT herzustellen. Es bliebe aber zu hinterfragen ob ein Ausblenden der Debatten um die mediale und bildhafte Darstellung der Anschläge, losgelöst von diesen selbst, nicht dennoch in Betracht gezogen hätte werden sollen. Insgesamt hätte eine stärkere Gegenwartsorientierung den Sammelband sicherlich bereichern können.

Wer sich von AngstBilderSchaulust einen Einblick in Geschichte und Formen der Katastrophendarstellung auf der Bühne erhofft, wird den Sammelband bald enttäuscht zur Seite legen. Ebenso wird jeder, der sich eine systematische Aufarbeitung und Theoretisierung von Katastrophendarstellungen in den Künsten erwartet, eine gewisse Enttäuschung verspüren. AngstBilderSchaulust versammelt jedoch eine Viezahl hochwertiger und uneingeschränkt lesenswerter Aufsätze, die durch ein aufwendiges Layout und zahlreiche Abdrucke von Bildern und Partituren das Auge reizen und zu einem wahren Lesevergnügen avancieren. Wer also mit der entsprechenden Erwartungshaltung das mit Boschs „Versuchung des heiligen Antonius“ lockende Buch aufschlägt, darf sich auf eine spannende Lektüre und wissenschaftlich solide Analysen und Aufsätze freuen.




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Typ: Sammelband
Sprache: Deutsch
Klassifikation: Kulturgeschichte
Epochale Zuordnung: epochal übergreifend


Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=388
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