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Die Verhöflichung des Lachens: Lachgeschichte im 18. Jahrhundert


Ort: Bielefeld
Verlag:
Jahr: 2007
Autor(en): Eckhart Schörle
Autor der Rezension:
ISBN: 978-3-89528-618-6
Umfang / Preis: 418 Seiten / 48.00




Während aus Frankreich eine Reihe von geschichtswissenschaftlichen Monographien zur Geschichte des Lachens vorliegen (etwa von Jacques Le Goff, Dominique Bertrand und George Minois), konstatiert die vorliegende Erfurter Doktorarbeit von Eckart Schörle, daß die deutschen Historiker das anthropologisch so reizvolle Phänomen bisher kaum untersucht haben. Die Studie widmet sich folglich dieser Forschungslücke: dem Aufspüren und Kommentieren historischer Zeugnisse zum Lachen im deutschen Sprachraum im Verlauf des 18. Jahrhunderts. Sie bezieht freilich englische und französische Einflüsse sinnvollerweise mit ein. Denn kaum eine Epoche lebte so von internationalen Austauschprozessen wie die der Aufklärung, respektive das Zeitalter des Absolutismus mit der europaweit ausstrahlenden Kulturhegemonie der französischen Hofetikette.
Der methodische Rahmen der Arbeit wird mit und gegen Norbert Elias’ These vom Prozeß der Zivilisation abgesteckt. Die nur scheinbar so ursprüngliche und naturhafte körperlich-seelische Ausdrucksbewegung des Lachens soll historisiert werden. Mittels einer Analyse der Diskurse über das Lachen soll es als kulturell überformte Praxis aufgezeigt und im Prozeß der Zivilisierung und der Affektregulierung verortet werden. An Elias moniert der Verfasser jedoch, daß der seine durchaus vorliegenden Einzeluntersuchungen zum Lachen nicht in die große Studie ‚Der Prozeß der Zivilisation’ eingearbeitet habe – und daß Elias die für die Reglementierung des Lachens wichtigen theologischen Diskurse kaum würdige. Zugleich wird von Schörle das Lachen, das immer wieder die Körper- und Lachkontrolle durchbricht, als ein Ort des Widerstands gegen alle Anläufe zur Codierung und Kontrollierung von Körperäußerungen begriffen und solcherart zum herausfordernden Grenzphänomen des Zivilisationsprozesses erklärt.
Die Studie hebt an mit einem gelungenen, kompakt-informativen Abriß zur Geschichte des Lachens von den Philosophen der Antike über klösterliche Lachregeln des Mittelalters bis zu den neuzeitlichen Empfehlungen zum Lachen in Medizin- und Benimmbüchern. In den daran anschließenden methodischen Überlegungen wird dargelegt, daß das Lachen als historisches Phänomen besonders intrikat und schwer zu analysieren sei, weil die Heterogenität der Arten des Lachens (vom lauten, explosionsartigen Ausbruch bis zum feinsinnigen, nur angedeuteten Lächeln) bestenfalls in einer weiten Typologie und gewiß nicht essentialistisch zu fassen sei. Und weil das Lachen als meist ephemeres Ereignis in den schriftlichen Quellen oft nur in Form von Spuren aufzufinden ist. Jedenfalls müsse das Lachen als Form kultureller Praxis in seinen sozialen Kontexten begriffen werden, nicht als Naturphänomen. Als ein Grenzphänomen von Kommunikation operiere das Lachen sowohl diesseits wie jenseits von Sinn und Bedeutung.
Auf der Ebene der historischen Theoriebildungen zum Lachen skizziert Schörle folgende, zwar recht grobkörnige doch nicht unplausible, Abfolge: Die maßgeblich von Hobbes formulierte Überlegenheitstheorie des Lachens (die im Lachen einen Ausdruck subjektiver Überlegenheit des Lachenden über den oder das Verlachte sieht) wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts zunehmend von der sogenannten Kontrasttheorie des Lachens abgelöst (die das Lachen als Kollision zweier inkongruenter Vorstellungen versteht). Im 19. Jahrhundert ersetzte dann die Untersuchung der exakten physiologischen Lachabläufe und ihrer biologischen Fundierung die älteren Theorien des Komischen und des Lächerlichen, an denen sich die Theoretisierungen zuvor orientierten.
Die Quellenlage für eine historische Erforschung des Lachens ist heikel. Denn das Lachen wurde wohl nur selten als überlieferungswürdig eingestuft und aufgeschrieben. Darüber hinaus gibt eine niedergeschriebene Lachsituation die eigentliche Lachperformanz nur indirekt wieder: die Körperlichkeit des Lachens verschwindet in der Verschriftlichung. Hinweise auf Lachsituationen findet Schörle gleichwohl in allen Textgattungen. Seine Hauptquellen sind Anstands- und Höflichkeitsbücher, Predigten und theologische Traktate zum Lachen und schließlich die moralischen Wochenschriften und autobiographische Selbstzeugnisse, in denen es vor allem um eine Aufwertung eines ‚natürlichen’, geselligen, bürgerlichen Lachens geht.
Die Geschichte der Komödie, der Komödientheorien und der Kritiken und Debatten zum Theater streift diese Studie nur in zwei kürzeren Kapiteln. Deren erstes skizziert das Hoftheater als ein ‚Reservat des Lachens’ (so Manfred Pfisters treffliche Formulierung). Wobei schon in der Architektur der Hoftheater mit ihrer Fürstenloge (die auf die anfängliche Platzierung des Oberhauptes in der visuell gleichfalls exponierten ersten Reihe folgte) als eigentlichem Mittelpunkt darauf geachtet wurde, daß sich das Publikum dem Lachen oder Nichtlachen des Königs anschloß. Der zweite Abschnitt zum Theater referiert die bürgerlichen Theaterreformen seit Gottsched im Hinblick auf ihre Reglementierungen des Komischen. Gewiß verschenkt die Studie angesichts dieser allzu knappen Exkurse zum Theater aufschlußreiche Inszenierungen des Lachens.
Aus einer detaillierteren Analyse von Lachstücken, Komödientheorien oder Theaterdiskursen ließen sich wohl noch weitergehende Thesen zum Wandel der Lachgegenstände und Lachtypen gewinnen. Vermutlich erklärt sich dieser Verzicht durch die sozialhistorische Ausrichtung dieser geschichtswissenschaftlichen Dissertation, für die das Theater nur ein marginaler Ort der Gesellschaft und zudem ein tendenziell exterritorialer Ort der Ausnahme von den alltäglichen, verbindlichen Regeln ist: eben ein Reservat. Freilich beruht die hochgradig ritualisierte und performative höfische Gesellschaft zugleich auf einer umfassenden Theatralisierung des Alltagsleben (welche die Habilitationsschrift von Doris Kolesch unlängst sehr eingehend analysierte). So daß auch jenseits der Komödiengeschichte das Lachen am Hof, seine Inszenierung oder Unterdrückung als ein theatergeschichtliches Phänomen (im weiten Sinne) zu begreifen ist.
Die europäische Anstandsliteratur war bestrebt, das körperbetonte Lachen zugunsten eines moderateren und von der Vernunft kontrollierten Lachens zu zensieren. Das unbeherrschte, heftige Lachen wurde sowohl in den höfischen Regelwerken wie in den frühen bürgerlichen Anleitungen als soziales Abgrenzungsmerkmal verwendet und auf den vulgären Pöbel projiziert. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der armen und arbeitenden Bevölkerung im Rahmen einer zivilisationskritischen Aufwertung alles ‚Natürlichen’ dagegen eine beneidenswerte ‚natürliche’ Fröhlichkeit zugeschrieben, was die Studie im Kontext einer Romantisierung der Unterschichten als Verkörperung des Ursprünglichen und Ungezwungenen erklärt. Schörle verdeutlicht jedoch immer wieder, daß die Programme zur Zivilisierung des Lachens (bis auf wenige klösterliche oder pietistische Ausnahmen) keineswegs eine Tabuisierung oder grundsätzliche Verbannung des Lachens intendierten, sondern dessen mäßigende Überformung und Einhegung mittels sozialer Konventionen.
Eine dem historischen Wandel weitgehend widerstehende Konvention besagte dabei, daß Frauen nur als passive Konsumentinnen von Witzen oder Gegenstände des Verlachens willkommen seien: „Die Rolle des weiblichen Railleurs war nicht kompatibel mit den bürgerlichen Geschlechtsstereotypen und selbst von der Salondame des 19. Jahrhunderts wurde eine starke Zurückhaltung verlangt.“ (S. 92). Besonders interessant, weil in den gängigen Abrissen zur (Theorie)Geschichte des Lachens bisher kaum untersucht, sind Schörles Materialien und Darstellungen zu den theologischen Debatten ums Lachen. Während liberale Prediger des 18. Jahrhunderts, wie der Leipziger Theologe Adam Bernd, ein tolerables menschliches Lachen von einem (alttestamentarischen) göttlichen Lachen und einem bösen teuflischen Lachen unterschieden, verurteilten fundamentalistischere Bewegungen wie die Pietisten das Lachen nahezu pauschal. Ihr Argument lautete: Christus habe nie gelacht und das Christentum sei die Religion der Verachteten und Verlachten, nicht der Überlegenen und Verlachenden.
Am Hofe war die Vermeidung von Lächerlichkeit geradezu das oberste Gebot. LaRochefoucaulds 326. Maxime formuliert dieses Bedrohungspotential: „Lächerlichkeit schändet mehr als Schande.“ Die anspruchsvollen höfischen Tänze waren (neben anderen umfassend regulierten Abläufen) ein Ritus, der für Neulinge hochgefährlich war. Denn die Gefahr eines lächerlichen Scheiterns lauerte hier ständig. Überzeugend sind Schörles Überlegungen über den höfischen Spott, den er als sublimierte Aggression begreift. In der pazifizierten und doch hoch konkurrenzhaften Hofgesellschaft konnten Rangstreitigkeiten oder regelrechte Duelle kaum mehr mit offener Gewalt ausgetragen werden. „Lachen war somit bei Hofe ein möglicher Ersatz direkter Gewalt.“ (S.134). Auf der Ebene der Diplomatie konnte Lachen dabei sowohl Konflikte auslösen, wie auch gelegentlich zur Schlichtung von Streitigkeiten beitragen. In einer anthropologischen Funktionsbestimmung ist das Lachen gemäß Schörle mithin sowohl als Aggression aber auch als eher spielerische (und pazifizierende) Abfuhr von Gewalt- und Aggressionspotentialen lesbar. Schörle trumpft hier auf mit anschaulichen Beispielen von Spottschriften und Gerüchten, aber auch von empfohlenen Abwehrmechanismen gegen drohenden Spott – wie die stoische Verstellung und das Verbergen von Gefühlen, die am Hofe dringlich empfohlen waren.
Die Inszenierung von Herrschaft, die im Absolutismus bekanntlich mit äußerstem Aufwand betrieben wurde, ist für Schörle eine interaktive und folglich durchaus von der Akzeptanz und Akkreditierung des Volkes abhängige. Er betont, daß jegliche öffentliche Inszenierung ein Risiko eingeht – nicht zuletzt das Risiko, sich durch allzu neue oder allzu alte Darstellungselemente lächerlich zu machen. Neben den Festen und Lustbarkeiten hat der Verfasser auch noch einen Blick für die Rückseiten des Hoflebens, die häufige Langeweile und Ereignislosigkeit übrig. In vielen Briefen wird zum Ausdruck gebracht, daß es am Hof keineswegs immer lustig zuging, daß hinter den lächelnden Fassaden Traurigkeit herrschte. Die Institution des Hofnarren und ihr Aussterben im 18. Jahrhundert werden eingehend analysiert. Die Narren waren sowohl Objekt und Opfer des Gelächters als auch Urheber eines weitgehend unzensierten Spottes, der auch vor weltlichen und geistlichen Autoritäten nicht halt machen mußte.
Schon die adelige Hofkritik monierte häufig die bloß oberflächliche und unaufrichtige Lustigkeit des höfischen Umgangs. Die bürgerliche Kritik des Hofes und seines hierarchischen Lachens konnte daran anschließen. Das neue, im Vergleich zur christlichen Sündenfall-Anthropologie optimistischere Menschenbild der aufklärerischen Moral Sense Philosophy verabschiedete sich von der Überlegenheitstheorie des Lachens. Man suchte nun eine sympathischere und positivere Begründung und Rechtfertigung des Lachens. Als humanes Miteinanderlachen, das auf inkongruenten, widersprüchlichen Vorstellungen des Betrachters (statt seiner Überlegenheit) beruhe, wurde das Lachen nun gewissermaßen brüderlich und produktiv. Für Shaftesburys test of ridicule wurden der Spott und das Lachen geradezu zu einem Probierstein der Vernünftigkeit einer Sache: „Denn eine Sache, die keinen scherzenden Spott vertrüge, sei gewiß verdächtig; und ein Spaß, der keine ernsthafte Untersuchung vertrüge, sei gewiß ein falscher Witz.“ (zit. nach Schörle, S. 197).
Die moralischen Wochenschriften propagierten dieses neue, optimistische, religionsferne Verständnis des Menschen und seines Lachens, das von Shaftesbury und Hutcheson ausgearbeitet wurde. Der Tatler, der Spectator und der Guardian publizierten Essays zum Lachen, die von deutschen Zeitschriften wie dem Brittischen Museum für die Deutschen, Der Sammler, Der Menschenfreund oder Der Jüngling übersetzt oder in ihrer Argumentationsrichtung frei adaptiert wurden. Fröhlichkeit und Lachen statt Melancholie wurden zu Leitwerten eines bürgerlichen Selbstverständnisses; denn die Produktivität bedürfe zur Rekreation der Arbeitenden eines geselligen und vernünftigen Scherzens und Lachens. Etwas unklar bleibt Schörles Urteil, ob er die ‚ernsten’ gelehrten Gesellschaften der Aufklärungszeit in ‚unversöhnlichem’ Widerspruch (265) zu den auf Scherz und Lachen orientierten Geselligkeiten verortet – oder nicht doch eine produktiv sich ergänzende Arbeitsteilung von ernsten und unterhaltenden Zusammenkünften in der Aufklärung am Werk sieht – so auf Seite 254: „Das Projekt der Aufklärung wurde also durch ‚komische’ Gesellschaften ebenso vorangetrieben wie durch ‚ernste’ Gelehrtenzirkel.“
Unter der summarischen Überschrift ‚Rationalisierungen’ referiert Schörle im vierten Kapitel philosophische und medizinische Diskurse über das Lachen als ein Grenzphänomen zwischen Körper und Geist und schließt dieses Kapitel mit der zweiten Tranche von Überlegungen zum Lachen im Theater ab. Nach der Rolle des Hoftheaters geht es nun um genuin bürgerliche, aufklärerische Theaterreformen im Gefolge der Gottscheds und ihrer Vertreibung des Hanswursts zugunsten eines angestrebten vernunftgesteuerten Verlachens. Zwar gebe es einige wenige, immer wieder zitierte Fälle des Totlachens – etwa das berüchtigte Ende des Materialisten La Mettrie. Doch waren sich die meisten Mediziner über die heilsamen Wirkungen des Lachens (besonders offenbar zum Aufbrechen von gefährlichen Geschwüren) einig. Den Übergang von den medizinischen Diskursen zu den poetologischen vollzieht Schörle mit dem Hinweis auf einige sehr einflußreiche ‚philosophischer Ärzte’ wie Jakob Friedrich Abel oder Ernst Platner. Deren Schüler waren unter anderen Dichter wie Schiller und Jean Paul.
Aber schon in Lessings Überlegungen zur Tragödientheorie ging es auch um die zum Weinen komplementäre Ausdrucksbewegung des Lachens, über deren wechselseitige Bezüge er mit Nicolai und Mendelssohn diskutierte. Die vernünftige, erzieherische Wirkung des Lachens wurde zuvor schon betont in Gottscheds Poetiken und von Lessing aufgenommen. Lessing kennt dabei auch Modi des Lachens jenseits des strafenden Auslachens. Auf Gottscheds Verbannung des Lustigmachers mit seiner derben und sinnlich-körperlichen Komik antwortete die folgende Generation der Aufklärer (etwa Wieland, Lessing, Sulzer, Nicolai Möser) mit einer zumindest partiellen Rehabilitierung des Bühnennarren. Gleichwohl, konstatiert Schörle mit Promies, habe sich Ende des 18. Jahrhunderts in der bürgerlichen und gelehrten Welt der ernsthafte Zug durchgesetzt. Besonders in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzog sich die Eindämmung komischer Körpersprache auf der Bühne, aber auch die Fesselung des Zuschauerkörpers. Der bürgerliche Zuschauer sollte sich, selbst unbewegt, in die auf der Bühne dargestellten Figuren einfühlen.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde gelegentlich der Vollzug einer nun erreichten Verhöflichung des Lachens gemeldet. Die eigenen Kreise hätten das angemessene Lachen nun erlernt, die fehlerhaften Weisen des Gelächters wurden auf andere Schichten respektive andere Länder projiziert. So kam es zu nationalspezifischen Typologien von englischem wit und humour versus französischem esprit nebst Zweifeln an der deutschen Fähigkeit zu solch feineren Spielarten der Komik. Aufklärung und Bürgertum versuchten, das Lachen auf eine vernünftige Basis zu stellen und ein einfühlsames Miteinanderlachen der ausgrenzenden, hierarchischen und spottenden Spielart des kritisierten höfischen Gelächters zu opponieren. Dieser Prozeß bedeutet für Schörle freilich keine ‚Lockerung der Reglementierung’, sondern wird als eine ‚tiefer gehende Verhöflichung’ des Lachens gedeutet.
Im Kapitel zu ‚Erziehung und Pädagogik’ liest Schörle vor allem autobiographische Erinnerungstexte. Zu Beginn des Jahrhunderts überwiegen hier Ernst und Strenge gegenüber dem nur marginal geduldeten Lachen. Nach Rousseau und Lavater gewinnt dann der Trend einer Erziehung zur Fröhlichkeit Oberhand. Freilich rät auch diese neue Lizenz zum (kindlichen) Lachen, sich von verletzendem Spott fernzuhalten. Denn der könne sich nur allzu schnell gegen den Spottenden selbst wenden. Die psychologischen Analysen der zunehmend empirisch werdenden Erfahrungsseelenkunde des ausgehenden Jahrhunderts interessierten sich auch für das Phänomen des unwiderstehlichen Lachzwangs und des ansteckenden Lachens. Sie versuchten anfangs aber immer noch, das Rationale am Lachen in den Vordergrund zu stellen. Erst bei Bergson am Ende des 19. Jahrhunderts sieht Schörle dann wieder eine radikal Hinterfragung der optimistischen Version des Lachens, die sich im Laufe des 18. Jahrhunderts etabliert hatte.
Fassen wir Stärken und Schwächen dieser sehr materialreichen historischen Dissertation noch einmal zusammen: Die Einleitung unter der Überschrift „Wege zu einer historischen Anthropologie des Lachens“ ist wunderbar kompakt und informativ geschrieben und gehört als historischer Überblick zum Lachen und den methodischen Problemen seiner Erforschung gewiß zum besten, was zu diesem Thema vorliegt. Die materialen Kapitel leiden dann freilich unter einer gewissen Redundanz. Denn die zusammengesuchten Aufsätze oder marginalen Bemerkungen zum Lachen sagen immer wieder ähnliches. Die historischen Verschiebungen in den Diskursen zum Lachen ereignen sich dabei so langsam und nahezu unmerklich bruchstückhaft, daß sich hier kaum griffige Thesen halten lassen.
Die Verhöflichung des Lachens im Sinne einer Dämpfung körperlicher und akustischer Explosionen ist ein offenbar immerwährender Prozeß. Ihr fraglicher Fortschritt gleicht mithin womöglich einer auf der – anthropologischen – Stelle tretenden Echternacher Springprozession. Dieser Prozeß (wenn es denn einer ist) wurde von höfischen Adeligen begonnen und in den Selbstverständigungsdiskursen des Bürgertums fortgeschrieben. Der Erkenntnisfortschritt und der Lesegenuß sind bei diesen weitschweifigen, von zahlreichen Wiederholungen geprägten Kapiteln, trotz manch schöner Trouvaille, getrübter als bei der zupackenden Einleitung. Insgesamt ist die Studie freilich zu begrüßen als ebenso fleißig recherchierter wie um Thesen bemühter Beitrag zur kulturellen Codierung des Lachens (und ihrer Grenzen) als einem gewichtigen Gegenstand historischer Anthropologie.
Zwar ist die performative und interaktive Dimension des Lachens nicht in der Kommentierung und Einordnung jedes Textbeispiels leitend. Doch verdeutlicht diese geschichtswissenschaftliche Arbeit nicht nur in ihren unmittelbar dem Lachen im Theater gewidmeten Passagen, daß das Lachen als semiotisches und interaktives Geschehen, als eine mehr oder weniger sinnhafte Körperäußerung vor Publikum eine theatralische Angelegenheit ist. Zur interdisziplinären Erforschung des Lachens, an der nach Philosophen und Medizinern dann Biologen und Psychologen, Literaturwissenschaftler und Linguisten partizipiert haben, kann neben den anthropologisch ausgerichteten Historikern gerade die Theaterwissenschaft Erhebliches beitragen. Nicht nur die Geschichte der Komödie und des Lachtheaters im engeren Sinne stehen hier zur Debatte. Nahezu jede Szene des Lachens, von der Antike bis zum Alltag, läßt sich als theatralisches Spektakel, als eine Aufführung vor Publikum explizieren.



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Erstellt am: 11.10.2007