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Valeska Gert: Fragmente einer Avantgardistin in Tanz und Schauspiel der 1920er Jahre

Ort: Bielfeld
Verlag: transcript
Jahr: 2006
Autor(en): Susanne Foellmer
Herausgeber: Gabriele Klein, Gabriele Brandstetter
Autor der Rezension: Bernhard Siebert
ISBN: 3-89942-362-3
Umfang / Preis: 302 Seiten / EUR 28,80



In verdrehter Haltung kommt Valeska Gert auf dem Cover daher, gebleckte Zähne, geschlossene Augen, eine Hand in die Hüfte gestemmt. Ist das ein spöttischer Ausdruck – oder ein verträumter?
Mit ihrem Buch trägt Susanne Foellmer die „Fragmente einer Avantgardistin in Tanz und Schauspiel der 1920-er Jahre“ zusammen. Aber gegen ein Zusammentragen, gegen diese Art des bloßen Aufsammelns würde sich Foellmer verwehren. Um ihren Ansatz anschaulich zu machen, bedient sie sich vielmehr der Metapher des Hologramms – für die Autorin ein „geeignetes Instrument, das Universum der lakonisch prägnanten Tänze Gerts zu erfassen“. So holographiert Foellmer denn auch mehr als sie hagiographiert. Ihr geht es ganz um die Diskursivierung von Gerts Kunst.
Foellmer bietet ihre gepimpte Diplomarbeit in synoptischer Form an – Originalpassagen aus der 1998 angefertigten Arbeit scheinen mit, nachgetragene Passagen hingegen ohne Serifen auf. Die typographische Differenzierung macht Spaß, die langjährige Auseinandersetzung der Autorin mit ihrem Forschungsobjekt bleibt spannend und lebendig.
Über den Begriff der Avantgarde, mit dem sie sich durchaus kritisch auseinandersetzt, führt Foellmer in die Kunst Valeska Gerts ein: in eine Form des Tanzes, die vieles widerzuspiegeln scheint, was das Großstädtische zur Weimarer Zeit ausmacht: Nervosität, aufkommenden Verkehr, die Übertragung des Prinzips der Montage auf Kunst und Leben. Gert interessieren die Auswirkungen der Moderne auf Körper und Bewegung, und das immer auch in einem politischen Kontext, wie der Vergleich mit Bertolt Brecht beweist. Die Künstlerin tanzt Frauengestalten, die aus der Unterschicht kommen, und verfremdet dabei, ohne sich auf die Ebene der simplen sozialen Satire zu begeben – Foellmer bietet das Stichwort des ‚Epischen Tanzes’ an. In dieser Hinsicht versucht die Autorin auch, den oft etwas verbraucht wirkenden Begriff der Groteske für Gert neu zu belegen: Statt sich auf eine Verzerrung und damit Unkenntlichmachung zu beziehen, übersetzt sie den grotesken Gestus im Sinne Holger Sandigs mit „Übergenauigkeit“. Gert verwischt nicht, sie zeichnet en detail nach, mit einer bestimmten, intensiven Pingeligkeit. Damit wird für Foellmer die Groteske zum Moment der Verfremdung: Es gelingt ihr an dieser Stelle, diverse Debatten um einzelne Begrifflichkeiten aufzugreifen und für eine Kartierung des modernen Bühnentanzes nutzbar zu machen.
Foellmer bedient sich des erarbeiteten theoretischen Aufbaus, um Valeska Gert an der bedeutenderen Mary Wigman zu messen. Der breit angelegte Vergleich fördert zunächst einmal Ähnlichkeiten der Tänzerinnen zutage, vor allem, was Motivik und Produktionsästhetik betrifft. Doch wo bei Wigman alles auf Abstraktion ziele, so Foellmer, sei es nicht Gerts Ansatz, sich von der Repräsentation zu lösen: Sie möchte Menschentypen tänzerisch darstellen, soziale Situationen und emotionale Befindlichkeiten, die durch den Tanz gerade nicht überhöht, sondern ausgestellt werden sollen. Auch in den Bewegungen der Tänzerinnen selbst findet sich dieses Prinzip: Foellmer stellt den „Schwung“ bei Wigman gegen die „Synkope“ bei Gert – und beweist damit ein Gespür für die sprachliche Erfassung der tänzerischen Praxis.
Im Schlussteil des Buchs werden eine Vielzahl von Verbindungslinien gezogen – einerseits zu anderen Künsten und Kunsttheorien, vor allem, was Gerts ZeitgenossInnen betrifft; andererseits zu Positionen weiblicher Kunst in den 1990-er Jahren. Letztere Perspektive führt Gerts Aktualität vor Augen, gleichzeitig schafft sie es aber, die Ästhetik der Tänzerin in spezifischer Weise zu historisieren: Foellmer eröffnet den Blick auf Gerts Arbeit mit dem Körper über das Vokabular der bildenden Kunst und kleinteilige Vergleiche mit Cindy Sherman, Annie Sprinkle, Marlene Dumas und Orlan. Sie beschert ihrer eigenen Arbeit ein Ende, das Gert in die Gegenwart hievt und damit allen vorgetäuschten Konsens zu ihrer Person wieder in Stücke schlägt.

Die Veröffentlichung richtet sich in erster Linie an ein wissenschaftliches Publikum, bewahrt sich aber wie viele der transcript-Erzeugnisse eine gewisse Sexiness. Schrift und Illustrationen sind gut gesetzt, das Buch bietet ein ausführliches Literatur- und Quellenverzeichnis sowie einen Überblick über zeitgenössische Tanz- und Theaterproduktionen, die sich Valeska Gert widmen. Das Buch wird mit einer CD geliefert, welche mehrere Videofragmente über und zu Gert präsentiert. Sie ist in ihrer Bedienoberfläche auf das Design des Buchs abgestimmt, scheint jedoch etwas flott produziert worden zu sein – die CD trägt den elektronischen Namen „Valeska Gerd“ und schreibt damit die Künstlerin falsch. Diese ungewollte Verfremdung hätte ihr wohl gefallen, der „Hexe des unbewaffneten Aufstands“, über welche mit Foellmers Monographie nun eine weniger absolute, dafür aber umso brauchbarere Untersuchung vorliegt.




Typ: Monographie (Print)
Sprache: Deutsch
Klassifikation: Tanz
Epochale Zuordnung: 20. Jahrhundert


Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=332
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