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Schauspieler-Leben: Autobiographisches Schreiben und Exilerfahrung

Ort: Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien
Verlag: Peter Lang GmbH
Jahr: 2005
Autor(en): Christoph Seifener
Autor der Rezension: Deborah Vietor-Engländer
ISBN: 3-631-53828-6
Umfang / Preis: 386 Seiten / EUR 56.50 / SFR 82.00



Eine Gruppe von vier- bis fünftausend deutschsprachigen Schauspielern ging ins Exil. Einige schrieben entweder dort oder nach ihrer Rückkehr nach Deutschland Bücher. Zielsetzung dieser Arbeit ist es, diese Texte „Autobiographien“ genannt, als literarische Texte, ihre literarischen und textuellen Strukturen, nicht als Dokumente des Exils zu analysieren. Anhand ausgewählter Fragestellungen, die sich auf die Verarbeitungsstrategien bestimmter Themenkomplexe beziehen, sollen Rückschlüsse auf Grundstrukturen der Autobiographien gewonnen werden. Es soll geklärt werden, mit welchen literarischen Strategien die Autoren auf das Spannungsverhältnis zwischen Gattungstradition und Inhalt der Texte antworten. Es werden auch nur Texte berücksichtigt, die formal der Gattung Autobiographie zuzuordnen sind. (1. Teil, S.12-13)
Die Kernfrage der Untersuchung wird so formuliert: kann man das Exil mit den Mitteln der klassischen Autobiographie adäquat darstellen? (19) Die angesprochene Zielgruppe sind diejenigen, die sowohl an Exil als auch an Autobiographienforschung interessiert sind.
Das erste Problem liegt bereits in der Definition der Texte. Wo liegt die Grenze zwischen Autobiographie und Memoiren? Autobiographisches Schreiben ist etwas anderes als Erinnerungen schreiben. Autobiographie entsteht aus einem Interesse an sich selber, sind diese Schauspieler fähig zu autobiographischem Schreiben, zu Selbsterforschung und Selbsterkenntnis? Memoiren erzählen nur, was man erlebt hat, autobiographisches Schreiben im Exil ist nicht mit Memoirenschreiben gleichzusetzen. Der Verfasser dieser Arbeit ist der Meinung, (S.30) daß die hergebrachten Definitionen von Autobiographien nicht mehr greifen. In diesem 2. Teil „Erinnerung und Gedächtnis“ (S.21-83) untersucht er den aktuellen Forschungsstand der Autobiographie, wobei er gerade keine Trennung von Autobiographie und Memoiren wahrhaben will. (S.54)
Im 3. Teil (S.85-156) gibt er bei Bergner, Durieux, Curt Goetz und Valérie von Martens zu, (S. 87) daß die Thematisierung des Exils zwar breiten Raum einnimmt, die Autoren aber andere Intentionen verfolgen, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit Flucht und Vertreibung stehen. In Wirklichkeit war es so, daß Blandine Ebinger (S.138) oder Valérie von Martens und Curt Goetz sich von anderen Exilanten distanzierten, „um die Heimat“ (Deutschland) bangten und andere Mitglieder der Exilgemeinde vehement kritisierten. Bei diesen beiden erscheinen die Deutschen fast ausnahmslos als Opfer. Von Martens wirft beispielsweise Elisabeth Bergner vor, Deutschland nur aus enttäuschter künstlerischer Eitelkeit verlassen zu haben. (S.138-40) Seifener stellt fest, daß die Darstellung des Exils in den Autobiographien nicht unbedingt eine herausragende Stellung einnimmt. (S.93) Die Frage wäre zu stellen, warum solche Texte, die keine Autobiographien sind, in der Kategorie Exil untersucht werden. Beim Ehepaar Goetz - von Martens gibt er zu, (S.95) daß die Exilerfahrung für sie keinen existentiellen Bruch darstellt. Von Martens tut beispielsweise den Reichstagsbrand als „Quatsch“ ab, weil ihr Mann es ablehnte, darüber zu diskutieren. (Teil 6. Die literarische Verarbeitung des Exilerlebnisses 261-330, hier S.264) Was ihr Exilland USA betrifft, wird immer wieder Europa als glänzendes Gegenbild gegenübergestellt, so stellt sie sich die Trümmer eines New Yorker Wolkenkratzers nach einem Bombeneinschlag vor („Trostlos tot“), die Trümmer von Nürnberg 1945 hingegen strahlen für sie Tradition aus und erscheinen ihr beinahe beseelt. (S.314) Sie ist der Meinung, daß das Ehepaar Goetz in den USA in den Jahren des Exils völlig verkannt war und deswegen Mißerfolge erlitt, die mit der Qualität ihrer Arbeit nichts zu tun hatten. (S.317) Bei Fritz Kortner muß Seifener zugeben, daß die Erfahrung von Flucht und Verfolgung das entscheidende Moment in der Autobiographie ist. (S.96)
Die untersuchten Texte (Teil 4, S.157-210) stellen den Beruf des Schauspielers fast ausnahmslos als Berufung da, als Vorbestimmung. (S. 161) Von Martens schreib beispielsweise über die Aufführungen der Weimarer Republik „Die Schauspieler sind die Nachfahren der Priester und haben eine Mission.“ (S.172) Und diese Mission hat mit Politik nichts zu tun, sondern mit Unterhaltung. (S.194) Eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Nachkriegszeit hält sie daher (S.195) nicht für wünschenswert, denn die Deutschen (s.o.) seien ja die Opfer gewesen. (S.197) Erwin Geschonneck hingegen wies seiner Arbeit in Konzentrationslagern keineswegs nur Unterhaltungsfunktion zu, er wollte auch dort politische Botschaften transportieren und im Exil gegen den Faschismus agieren. (S.206-7) Der Autor kommt daher zu dem Ergebnis: „Bürgerliche Autoren werten das Exil anders als ihre kommunistischen Kollegen“ (S.88) was uns ein wenig platitüdenhaft bzw. wenig erkenntnisreich vorkommt. In der Zusammenfassung am Ende der Arbeit kommt Seifener zu weiteren Ergebnissen, die Texte hätten eines gemeinsam, daß der Beruf des Schauspielers eine Berufung sei und eine Unterscheidung von Memoiren und Autobiographien für das Genre Schauspielerautobiographie sei hinfällig. (367) Er hat eine unendliche Fülle von sehr diffusem Material ausgebreitet und in sehr wünschenswerter Weise auf manche Exiltexte von Schauspielern aufmerksam gemacht.




Typ: Monographie (Print)
Sprache: Deutsch
Klassifikation: Gattungstheorie
Epochale Zuordnung: 20. Jahrhundert


Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=293
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