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Rhapsodie für das Theater


Ort: Wien
Verlag:
Jahr: 2015
Autor(en): Alain Badiou
Herausgeber: Peter Engelmann
Autor der Rezension:
ISBN: 9783709201718
Umfang / Preis: 132 Seiten/ Euro 17,40




Badiou und Kunst


Gemeinsam mit der Wissenschaft, Politik und Liebe gehört für Alain Badiou die Kunst zu den Grundbedingungen der Wahrheit. Im deutschsprachigen Raum sind Badious literarische Texte so gut wie unbekannt, da er vorerst als Akademiker mit Schriften wie „Theorie des Subjekts“, „Das Sein und das Ereignis“ oder „Lob der Liebe“ wahrgenommen und diskutiert wurde. Seinen Bekanntheitsgrad erlangte er im deutschsprachigen Raum mit seinen wissenschaftlichen Schriften. Badiou hat sich aber nicht nur theoretisch mit dem Theater auseinandergesetzt. Als erstes Theaterstück wurde von ihm 2013 „Der Vorfall bei Antiochien: Tragödie in drei Akten“ ins Deutsche übersetzt. Dabei gehen seine literarischen Texte bis ins Jahr 1964 zurück. Er schrieb drei Romane, „Almagestes. Le Seuil“ (1964), „Portulans. Le Seuil“ (1976) und „Calme bloc ici-bas. P.O.L.“ (1997) und sechs Theaterstücke, „L’Écharpe rouge. Romanopéra“ (1979), „Ahmed le subtil. Farce“ (1994), „Ahmed philosophe, suivi de Ahmed se fâche. Théâtre“ (1995), „Les Citrouilles. Comédie“ (1996), „La Tétralogie d’Ahmed, Babel“ (2010) und „Le Second Procès des Socrate“ (2015).


Die Essays, die in „Rhapsodie für das Theater“ gesammelt sind, erzählen von Badious Theatererfahrungen und –lektüren in 89 Paragraphen. Streng genommen ist die kurze philosophische Abhandlung, wie der Untertitel lautet, aus den 1980er Jahren und wurde in der Zeitschrift L’Art du Théâtre in Zusammenarbeit mit dem Théâtre National de Chaillot unter der Intendanz von Antoine Vitez herausgegeben. Dies scheint auch der Grund zu sein, warum Vitez Inszenierungen und Badious Texte eine zentrale Rolle in der Rhapsodie einnehmen. Als Sammlung erschienen seine theoretischen Überlegungen zum Theater in im französischen Original erstmals 1990 und wurde nach der Neuauflage im Jahr 2014 nun ins Deutsche übertragen.


 


„Theater“ und Theater


Am Beginn seiner Rhapsodie stellt er die Frage, warum man die Einteilung der Welt in Nord und Süd oder Okzident und Orient nicht durch eine Trennung zwischen Gesellschaften mit und Gesellschaften ohne Theater ablösen sollte? Dabei scheint es ihm nicht darum zu gehen eine bessere und eine schlechtere Gesellschaft zu beschreiben, wohl aber die Bedeutung des Theater als zentral für eine Gesellschaft hervorzuheben. Die Präsenz eines Theater ist aber noch lange kein Beweis, dass das Theater diese Rolle in einer Gesellschaft einnimmt. Badiou folgend unterscheiden sich „Theater“ und Theater voneinander. Ersteres – in der deutschen Übersetzung immer mit doppelten Anführungszeichen gekennzeichnet – bleibt orthodox, ist harmlos und einträglich, zweites – im Text immer kursiv formatiert – hingegen ist eine häretische Handlung, aufsässig und abtrünnig (S. 23).


Theater im Allgemeinen konstituiert sich aus sieben (zwingenden) Elementen: „Ort, Text oder eine Entsprechung, Regisseur, Schauspieler, Bühnenbild, Kostüm, Publikum“ (S. 31). Das Ereignis des Theaters ist auch bei jeder Wiederholung singulär. Es ist bei ihm gerade diese Singularität, die Theater das Potential des Politischen verleiht. Während „Theater“ dem Staat verpflichtet ist bzw. sich von dessen Auge leiten lässt, ist Theater situativ und spaltet sich vom „Theater“ „durch einen wenig wahrscheinlichen Blitzschlag“ (S. 23) ab. Theater unterbricht also das „Theater“, welches den Staat in seinen Regeln und Machtstrukturen widerspiegelt, und steht für eine revolutionäre Handlung. Theater kann demnach nie im Vorhinein geplant werden, sondern entsteht aus einem Moment heraus.


„Das Theater aber fordert von seinem Zuschauer, der daraufhin schnell die Härte seines Sitzes spürt, dass er an den Lücken des Spiels die gewollte Entwicklung eines Sinns festmacht und seinerseits zum Interpreten der Interpretation wird. Wem würde es nie passieren, zu hassen, dass er für ein Vergnügen bezahlt und zu einer Arbeit gebeten wird? Oder vielmehr, feststellen zu müssen, dass das Vergnügen, das man unmittelbar hoffte, das unsichere Produkt geistiger Konzentration ist?“ (S. 48) Die Zuschauerin oder der Zuschauer muss bei Badious Theaterverständnis mitmachen. Das Publikum muss die Handlung nachvollziehen, während dem Stück mitdenken und schlussendlich sollten daraus Handlungen resultieren. So kann ein Stück sich erst durch die Zusehenden entfalten und zu dem werden was es ein soll: Theater. Darunter versteht Badiou, „dass es [Theater] eine Aussage über sich selbst und über die Welt trifft und die Verknüpfung dieser doppelten Untersuchung den Zuschauer in eine Sackgasse des Denkens führt (S. 44).“ Theater ermöglicht also über die gegenwärtigen Bedingungen und das Umfeld nachzudenken. Im Gegensatz dazu vermittelt „Theater“ dem Publikum einen Schein von Ordnung, reproduziert bekannte alltäglich Strukturen und erfüllt die Menschen, sodass diese nach dem Theaterbesuch zufrieden nach Hause gehen können. Sie werden unterhalten und beruhigt. Im Theater entsteht ein Hass, denn hier wird das Publikum alles andere als beruhigt. Badiou folgend ist es der auskommende Hass auf das Theater, der die Menschen von der erfahrenen Qual und Anstrengung lösen zu kann. Theater muss immer in Konflikt mit den Vorstellungen und Ideen des Publikums sein, dieses dadurch herausfordern und somit stetig provozieren. Er betont aber, dass es in der Summe nur zwei Konfliktthemen und somit eigentlich auch nur zwei Themen für das Theater geben kann: „den der Politik und den der Geschlechter, dessen Bühne die Liebe ist. Also nur zwei Themen für einen Theatertext: Liebe und Politik. Theater ist: dass diese zwei Themen zu einem werden. Alles liegt in der Verknotung dieses einen. Und der ganze Punkt des heutigen Theaters liegt darin, dass weder die Liebe noch die Politik Kräfte sind, in die unsere Zeit bereit wäre, also wirklich bereit, Klarheit zu bringen“ (S. 78f).


Es ist also die fehlende Klarheit, die die Besucherinnen und Zuschauer provoziert und nicht mehr in Ruhe lassen soll. Wenn dies geschieht, ist auch ein Theater möglich, da die Menschen nicht ohne nachzudenken das Theaterhaus verlassen. Sie wurden nicht mit ihren Urteilen, Vorstellungen und Ideen bestätigt, sondern kritisiert. So entstehen die Unruhe und schlussendlich auch der von Badiou beschriebene Hass, der durch die konfliktreiche Begegnung heraufbeschworen wird. Dies geschieht in der Theatervorstellung, die ein Moment der Begegnung ist. Bei einer schlechten Vorstellung vergeht nur die Zeit, das heißt, dass die Begegnung nicht stattgefunden hat. Eine gute Vorstellung hingegen kennzeichnet den Theatermoment als Moment des Denkens, sowohl eine Begegnung mit dem Text als auch eine Begegnung mit sich selbst.


 


Begegnung und Ewigkeit


Das Theater verbindet die Ewigkeit, den Moment und die Zeit. Unter Ewigkeit versteht er die zeitlosen Figuren, die zu jeder Zeit zum Leben erweckt werden können. Die Begegnung mit dieser Ewigkeit ist im Moment der Aufführung möglich. Der Zeit werden wir uns gewahr, da im Moment der Aufhellung, die durch die Begegnung mit der Ewigkeit entsteht, uns eine Orientierung gegeben wird, wo oder besser wann wir uns befinden.


„Diese verortete Fiktion eines Bildes der Politik, bei der die Anstrengung, zum Zuschauer zu werden, Moment, Zeit und Ewigkeit miteinander verbindet, ist eine so grundsätzliche und wertvolle Erfahrung für uns, dass die Tatsache, dass sie einer kleinen Zahl vorbehalten bleibt, inakzeptabel ist“ (S. 112f).


Am Ende seines Textes führt diese inakzeptable Tatsache dazu, dass er sich für ein verpflichtendes Theater ausspricht. Badiou erklärt: „Die Anwesenheit in den Theatern muss zur Pflicht gemacht werden“ (S. 114). Dafür hat er sich schon genauere Regeln ausgedacht. Mindestens vier Theaterbesuche müssen jährlich bei der Steuererklärung nachgewiesen werden. Wenn weniger Besuche nachgewiesen werden, sind Strafzahlungen fällig, die dem Theater zu Gute kommen sollen. Hier am Ende seiner Rhapsodie scheint Badiou zu beantworten, was er anfangs implizit als Frage formulierte: Sind Gesellschaften mit Theater nicht vielleicht doch besser als Gesellschaften ohne? Badiou kann sich keine Gesellschaft ohne Theater vorstellen. Theater versteht er isomorph zur Politik, dem Philosophen folgend, wäre eine Verpflichtung zum Theaterbesuch eine Verbesserung der öffentlichen Moral. Zudem würde dadurch das kreative Schaffen aufblühen.


 


Conclusio



Badious „Rhapsodie für das Theater“ hält, was der Titel verspricht. Die Paragraphen sind oft lose – eben rhapsodisch – aneinandergereiht und bauen selten aufeinander auf. Während er einerseits Theater differenziert betrachtet und in seiner politischen Dimension zu bestimmen versucht, gibt es bei ihm andererseits nur ein Publikum, welches sich vom Theater bestimmen lässt. Die Begriffsdifferenz „Theater“ und Theater verschwindet im Verlauf der Paragraphen und man darf sich die Frage stellen, warum Theater dann isomorph mit Politik zu sehen sein soll. Vielleicht sollte es aber an diesen Stellen selbstverständlich sein, dass hier wohl Theater und nicht „Theater“ gemeint ist. Vielleicht kann man Badious politisches Theaterverständnis aber auch so zusammenfassen: wenn Theater nicht politisch ist, dann ist es eben keines (mehr).





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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von .
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=2487
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Erstellt am: 19.09.2016