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Perspektiven der politischen Ästhetik


Ort: Paderborn
Verlag:
Jahr: 2016
Herausgeber: Oliver Kohns
Autor der Rezension:
ISBN: 978-3-7705-5674-8
Umfang / Preis: 276 Seiten, 28 s/w Abb., Franz. Broschur/ 36.90 Euro




Als mich vor einigen Monaten der von Literaturwissenschaftler Oliver Kohns editierte Sammelband „Perspektiven der politischen Ästhetik“ erreicht, freue ich mich auf eine spannende Lektüre. Kohns leitet an der Universität Luxemburg das Forschungsprojekt „Ästhetische Figurationen des Politischen und situiert das Interesse der Reihe „Texte zur politischen Ästhetik“, die er gemeinsam mit Martin Doll herausgibt, darin, jene „Formen der Sichtbarwerdung, des Wahrgenommenwerdens und folglich der ästhetischen Repräsentation“ (Klappentext) zu untersuchen, die das Politische in diversen Kontexten immer schon auf die Ästhetik angewiesen sein haben lassen. Ein vielversprechendes Unterfangen, und eines, was für interdisziplinär interessierte Leser_innen einen breiten Pool an denkbaren Referenzen bereithält.


Im vorliegenden Band 2 der Reihe versammeln sich vornehmlich Beiträge von Literaturwissenschaftler_innen. Woraus eine deutliche Schwerpunktsetzung auf Analysen textbasierter Kunstformen folgt, die trotz eines gemeinsamen disziplinären Interesses Einblicke in historisch und thematisch sehr weit voneinander entfernte Bereiche leistet. Und ja, diese Weite der Sicht, die pluralistische Aufspaltung der Perspektiven auf politische Ästhetik sollte als positive Leistung begriffen werden, die parallele Denkstrukturen aufzeigen kann und Erscheinungsformen von Macht in wirklich divergenten Feldern aufzuzeichnen versucht. Dennoch hat es in meiner eigenen Leseerfahrung häufiger Momente der Störung gegeben, der Frustration über eine in meinen Augen nicht immer klar situierte Anbindung der einzelnen Texte, die, wie der Einleitung zu entnehmen ist, zunächst als Beiträge zu einer Ringvorlesung entstanden sind.


Gleich zu Beginn der Einleitung markiert Kohns wesentliche Interessen und Sichtweisen auf die Analyse politischer Ästhetik. Schlagworte wie „massenmediale Repräsentation“ (S. 7 ff.), „Erscheinungsformen politischer Macht“, „Verzerrung der Wirklichkeit“, „reale Präsenz“ eines Herrschers, richten den Blick der Leserin auf die „spezifische Logik [von Bildern], Realitäten hervorzubringen.“ Herrschaft und Macht und ihre je spezifischen Erscheinungsweisen und Legitimationsbekundungen bleiben denn auch wesentlich einende Bezugnahmen der einzelnen Beiträge. Was als auch beschränkende Sichtweise auf politische Ästhetik missverstanden werden kann, erschließt sich in vielen Beiträgen als notwendige Limitation, die deshalb funktioniert, weil bemerkenswerterweise, vielleicht sogar überraschenderweise, in fast allen Beiträgen Staatlichkeit und staatlich nutzbar gemachte Erscheinungsformen von Macht zum Ausgangspunkt der Betrachtungen gemacht werden. Autorinnen wie Rebecca Schneider oder Judith Butler haben in den vergangenen Jahren im englischsprachigen Raum (und mit einem deutlich performativ, aber auch politisch aktivistisch orientierten) Blickwinkel, eine meines Erachtens interessant divergente, wenn nicht sogar konträre Ausgangsposition in ihrem Schreiben über politische Ästhetik und Ästhetisierung des Politischen gewählt. [1]  Diese scheinen mir hier deshalb erwähnenswert, da sie gleichsam auf Wahrnehmung und Erscheinungsformen politischer Haltungen fokussiert sind, aber diese Haltungen oftmals gerade nicht bei staatlichen Positionen gesucht werden, sondern daran interessiert sind, Opposition wahrzunehmen und in ihrem radikalen politischen Potential sichtbar werden zu lassen. Ich erwähne dies auch, weil der deutliche Bezug auf Jacques Rancières Gedankenwege über die „Aufteilung des Sinnlichen“ , die „politische Logik der ‚Wortergreifung und Sichtbarmachung’ “ hier wie da herhält, widersprüchliche Phänomene und politische Positionierungen beschreibbar zu machen. [2] Tatsächlich ist es in der folgenden von Kohns vorgeschlagenen Zusammenfassung von Rancières Position dann auch hinfällig, diese Beschreibungen lediglich im Widerständigen produktiv zu machen: die „Einrichtung einer politischen Ordnung [setzt] stets und notwendigerweise eine ästhetische Ordnung [voraus]“ (S. 11).


Schlaglichtartig möchte ich nun einige Analysen von und Einsichten in jene ‚ästhetischen Ordnungsweisen’ vorstellen, die im Band versammelt sind – die eine „theoretische Synthese [...] ausdrücklich nicht [anstreben]“ (S. 12). Wesentliche Einsicht hat mein Lesen auf jeden Fall dahinein nehmen können, welch schwierige Entscheidungsakte dem Schreiben über politische Ästhetik inhärent sind – das Abwägen darüber nämlich, wie viel oder wie wenig Kontextualisierung der ‚realen politischen’ Umstände als notwendig erachtet wird. In meiner Lektüre haben die Autorinnen und Autoren ihre Überlegungen mal mehr mal weniger ‚erfolgreich’ positioniert und kontextualisiert, was vielleicht der inhaltlich herausforderndste Aspekt des Sammelbandes bleibt.


Ulrich Ports eröffnet den Band mit einem Text über die politische Ästhetik der Französischen Revolution und ihrer literarischen Reflexion in Schillers Jungfrau von Orleans. Die Tragödie deutet Ports unter besonderer Berücksichtigung ihrer religionspolitischen Dimensionen als „gegenrevolutionäres Theater aus dem Bilderarsenal des gegenreformatorischen Katholizismus“, welches „Schlagbilderpolitik“ (S. 42) im Sinne Aby Warburgs betreibe. Auch in weiteren Texten von Schiller liest Ports eine „hohe Sensibilität für die kollektivpsychischen Energien, politischen Valenzen und verschiedenen Instrumentalisierungen religiöser Devisen, Bilder, Symbole und Rituale“ (S. 34). Schlüssig zeichnet der Autor den historischen Wandel der katholischen Figur der Maria nach, die in Schillers Aufstellung einer „marien-, königs- und vaterlandsfrommer“ Johanna als antirevolutionär lesbar gemacht werden kann (S. 59). „Ganz am Ende [des Stückes werde daher] die Aufmerksamkeit vielmehr zurückgelenkt auf den irdischen Souverän, den siegreichen König in seiner wiederhergestellten Befehlsgewalt – die Restauration wirft ihren Schatten voraus.“ (S. 68).


Torsten Hahns folgender Beitrag beschäftigt sich mit dem „eheförmigen Staat“ (S. 71f.) und befragt anhand von Novalis’ politischen Fiktionen in Glauben und Liebe Staatsstrukturen und deren politische und poetische Notwendigkeiten. Hahns Projekt in diesem Text ist es zu zeigen, „dass die Ähnlichkeiten gerade aus der Öffnung des Wirklichen für das Mögliche bzw. seiner Inkorporation [resultieren]. Es wird sich zeigen, dass die Ähnlichkeiten von daher keineswegs rein negativ sind, sondern eine methodische Umgestaltung der Wirklichkeit durch ‚passende’ Fiktionen auf Grundlage einer alternativen Bestimmung der sozialen Kohäsionskräfte. Die Differenz des Wirklichen und des ‚bloß’ Möglichen wird durch die Vermittlung unterlaufen – und die Wirklichkeit zur Fiktion erhoben.“ Novalis verfasst ein Herrschaftsgebilde der politischen Fiktionen und der Repräsentation, die den verkörperten König als Idealmenschen und „schöne Realität“ als „corpus mysticum“ (S. 87) in seinem Zentrum braucht. Staat wird gedacht als „Gemeinschaftlichkeit jenseits von Zwang und zugleich jenseits von Egoismus“ (S. 91) und ist getragen von Liebe, die das Bild der Königin zur fernen idealen Geliebten werden lässt. Das gezeichnete Staatsmodell ist also ein weniger der ‚rationalen’ Vertragsfiktion erliegendes, sondern ein Modell Novalis’, welches den Liebesbund, der die starke „mystische Geliebte“ (S. 92) in der Person der Königin brauche. Präzise zeichnet Hahns im Laufe seines Textes nach, welche Strukturen von Glauben an Mögliches und Wirkliches in solcherart poetischer Staatsauffassung realisiert sein müssten.


Anschluss findet diese ‚liebevolle’, weibliche ‚Funktion’ im Staatsgeflecht in Nicole Karczymarzyks folgenden Analysen zu Sissi-Bildern in Verfilmungen von 1955 und 2009, die sie vergleichend beschreibt, um schlussfolgern zu können: „Die Überbrückungen von Gegensätzen, die, repräsentiert durch die scheinbar unvereinbar gewordenen Positionen der jeweiligen Nationen, am Ende durch den Einsatz der Si(s)is jeweils in Gang gebracht werden, zeigen in beiden Verfilmungen, dass die Landesmutter ihre Prüfung bestanden hat. Gleichzeitig offerieren die Filme die Idee, dass der Spagat zwischen politischem Amt und privatem Glück möglich und Harmonie stets erreichbar ist. Der Schlüssel zu diesem Glück ist in beiden Verfilmungen, wenn auch unter anderen Vorzeichen, das ‚weibliche Prinzip’ als Gegenstück zu einer emotionslosen, rationalen und bürokratischen Politik.“ (S. 112) Interessant ist hier, wie die Autorin die unterschiedlichen Zeichnungen der Sissi-Figur in ihrem je historischen Entstehungskontext der Filme einbindet, und wie diese bestimmte politische Lesarten und Wirksamkeiten befördern sollten, so zum Beispiel die „(transnationale) Idee von Heimat“ (S. 99), die in der historischen Abstraktheit des Films der Fünfziger Jahre konkrete politische Aussagen umschifft, aber die Rezipientinnen der Nachkriegszeit sicherlich Schlüsse ziehen lässt.


Einen faszinierenden Einblick in die Welt des Hochstaplers, Reiseschriftstellers und Symbolfigur des Karl May liefert im Folgenden Martin Roussel, und legt das Augenmerk der Leserin wiederum auf die Wahrnehmung einer fiktionalen Möglichkeit als authentische Wirklichkeit. Auch in dieser (fiktionalen) Welt werden (problematische) Bilder entworfen, die die explizite Frage evozieren, was es heißt, „deutsch zu sein“ (S. 130). Im Raum der Fremde, des Abenteuers und der wilden Kämpferein „geht [es] auch darum, Deutschland in seiner Realfiguration hinter sich zu lassen und stattdessen, die Gemeinschaft eines theaterhaft inszenierten Deutschlands zu bilden“ (S. 133). Eindringlich schildert Roussel, die starke Wirkkraft der Literatur Mays zu verschiedenen Zeiten: „Sie wird zum Narkotikum fürs Volk. Je harmloser die Texte sind, desto erfolgreicher können sie werden, und gerade die Illusionsgesättigtkeit der Texte lässt sie als Fluchträume zur Realmisere funktionieren.“ (S. 129)


Herausgeber Oliver Kohns beschäftigt sich in seinem Text mit der Latenz von Autorität und Macht. Unmöglich sei es beinahe den Begriff klar zu definieren, was auf die „problematische Phänomenalität der Autorität“ zurückgeführt werden könne. Ähnlich wie in Karczymarzyks Analyse von Novalis’ Staatsmodell, welche zunächst Carl Schmitt bemüht, referiert auch Kohns auf einen Staatsrechtler, Theodor Mommsen, der Autorität als „mehr als einen Rathschlag und weniger als ein Befehl“ definiert. Weiterhin lässt Kohns Hannah Arendt sprechen, die Autorität von Gewalt und argumentativer Überzeugung ablöst und Autorität zunächst vielmehr darin gekennzeichnet sieht, dass diese fraglos und legitimierend von denen anerkannt werde, deren Gehorsam abverlangt werde. Sie könne vorausgesetzt werden, und müsse also nicht erst performativ (durch einen Sprechakt) gesetzt werden. Mehr noch sei Autorität vielmehr durch den „Verzicht auf Handlungen“ (S. 150) geprägt. „Autorität ist folglich dasjenige, das nicht als Autorität in Erscheinung tritt“, folgert Kohns in Referenz auf Freud, und etabliert hiermit seine These von der Autorität als einem „Phänomen der Latenz, d.h. der ‚Wirksamkeit aus dem Verborgenen’“ (S. 151), welche sie auch von Macht abgrenzbar sein lässt, die konstitutiv mit Repräsentation einherginge .


Zwei weitere Beiträge – Christian Bauer zu Simone Weils „Politischer Anästhetik im Selbstversuch“ und Charis Goer zu „Linksintellektuellen Schriftsteller und die RAF“ tragen die Überlegungen zu politischer Ästhetik weiter ins 20. Jahrhundert hinein, bevor der letzte Text von Jessica Nitsche, „Schauplatz Südafrika. Medialisierungen der Truth and Reconciliation Commission unter besonderer Berücksichtigung des Films“ die Leser_innen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert entlässt. Ein Kreis schließt sich hier auch zur Einleitung des Bandes in konkreter Referenz auf Rancières „Ästhetik des Sichtbarmachens“, die Nitsche eindrucksvoll im Kontext der Post-Apartheid in Südafrika prüft. Die Gründung der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen 1993 hatte demnach zum Ziel, „dem Anspruch von Versöhnung und zugleich Wahrheitsfindung [...] gerecht zu werden“ (S. 250f.), und Menschenrechtsverletzungen aufzuklären, selbst wenn diese des Amnestieversprechens wegen eine juristische „Logik der Schuld und Bestrafung“ aushebelte und gewissermaßen ein „neues Verständnis von Recht und Gerechtigkeit“ entworfen hat. In ihren folgenden Analysen zeichnet Nitsche nach, wie sowohl dokumentarische als auch fiktionale Filmformate den Umbruchsprozess der ‚transitional justice’ die Öffentlichmachung von Verbrechen medial reflektieren, befragen, nutzen. Fragen nach Inszenierung und Authentizität durchziehen demnach nicht nur die Wahrheits- und Versöhnungskommissionen, sondern ebenso deren mediale Repräsentation, gleichsam die Wirkmächtigkeit medialer Bilder und deren politisches Potential aufzeigend und in Frage stellend. Gegen Ende ihrer Überlegungen verweist Nitsche auf vier Wahrheitsbegriffe, die im Zusammenhang mit der Wahrheitskommission unterschieden werden: „eine faktische/forensische Wahrheit, eine persönliche/narrative Wahrheit, eine soziale Wahrheit und eine heilende/restaurative Wahrheit.“ (S. 271) Diese Aufspaltung bleibt für mich eine der eindrücklichsten Einsichten aus dem Band, die die Notwendigkeit einer ausführlichen Kontextualisierung jeder Analyse politischer Ästhetik meines Erachtens sehr deutlich macht. 


„Perspektiven der politischen Ästhetik“  zeigt Einblicke in die Vielschichtigkeit dessen, was mittels ästhetischer Figuration wahrnehmbar gemacht und zu politisch vorstellbarer Realität werden kann. Der Sammelband verzichtet dabei auf eine inhaltlich engende Perspektivierung und privilegiert damit auch eine eigenverantwortliche Lektüreposition, die in einigen Texten voraussetzungsreich und teilweise unvermittelt erscheint. „Perspektiven der politischen Ästhetik“  war mir in diesem Facettenreichtum ein inspirierendes Sammelsurium an nur sehr lose miteinander verbindbaren Fallstudien, das mich aber doch an manchen Stellen klarere verbindende Explikation wünschen hat lassen.


 


[1] Siehe hierzu unter anderem: Schneider, R. „It Seems As If...I Am Dead. Zombie Capitalism and Theatrical Labor“ in TDR, Winter 2012, Vol. 56, No. 4, S. 150 – 162; Butler, J., „Bodies in Alliance and the Politics of the Street“ in eipcp, 2011, http://www.eipcp.net/transversal/1011/butler/en.


[2] Referiert werden hier Rancières „Aufteilung des Sinnlichen“ (2008) und „Das Unvernehmen. Politik und Philosophie“ (2002).


 





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Erstellt am: 19.09.2016