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Die Entdeckung der Unschärfe in Optik und Malerei: Zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert


Ort: Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien
Verlag: Peter Lang GmbH
Jahr: 2005
Autor(en): Marc Wellmann
Autor der Rezension: Hole Rößler
ISBN: 3-631-54612-2
Umfang / Preis: 299 Seiten / EUR 51.50 / SFR 75.00 / PND 33.70




Unschärfe ist ein Randphänomen – nicht der Optik, sondern des Sehens selbst. Sie bezeichnet den enormen Raum zwischen dem deutlichen und dem Nichtsehen, der gewöhnlich übersehen wird. Um Unschärfe zu sehen, muss erst das Sehen selbst in den Blick geraten. So weist der Paduaner Anatom Girolamo Fabricio ab Aquapendente 1600 in geistreicher Anschaulichkeit seine Leser darauf hin, dass man auf der vorliegenden Seite seines Buches stets nur ein Wort oder eine Silbe deutlich erkennen könne, während der übrige Text unscharf bleibe. Dieses unscharfe Sehen, sei nicht nur nützlich, „um sich schon von weitem schon vor Schaden zu hüten“, sondern auch „um etwas Kunstvolles zu machen und schließlich um vielerlei andere Werke auszuführen und zu vollenden“. [1]

Dem unscharfen Sehen, seiner „Nützlichkeit“ und Bedeutung für die Kunst vom 15. bis zum 19. Jahrhundert hat Marc Wellmann mit seiner 2005 veröffentlichten Dissertationsschrift Die Entdeckung der Unschärfe in Optik und Malerei nun erstmals eine ausführliche Untersuchung gewidmet. Da sich eine Geschichte des Künstlerwissens vom Sehen nur entlang der komplexen Entwicklungsgeschichte der Optik erzählen lässt, hat sich Wellmann zweckmäßigerweise auf „historische Momente“ (11) beschränkt, an denen sich die Interferenzen zwischen Wissenschaft und Kunst besonders deutlich abzeichnen. Ihm gelingt eine plausible Darstellung der Unschärfe als ein tatsächlich zentrales Problem im Verhältnis von Bild, Wirklichkeit und Wahrnehmung seit der Renaissance.

Im einführenden Problemaufriss (11-25) charakterisiert Wellmann das Phänomen der Unschärfe in der Malerei als „mediale Störung“ (gleichsam ein ‚V-Effekt‘ der Bildkunst), durch die das Sehen selbst wie auch der Artefaktcharakter des Bildes sichtbar wird. In Abgrenzung zu Wolfgang Ullrichs Die Geschichte der Unschärfe konstatiert Wellman zu Recht, dass die Geschichte dieser Störung lange vor der Erfahrung mit der Fotografie im 19. Jahrhundert beginnt. [2] Heinrich Wölfflins kunstimmanente „Geschichte des Sehens“ wird zugunsten des von u.a. Jonathan Crary vertretenen Ansatzes einer gegenseitigen Durchdringung von Kunst- und Wissenschaftsgeschichte verworfen. Im Gegensatz zu Crarys These von der Camera obscura als Paradigma frühneuzeitlicher Wahrnehmung und der implizierten „Körperlosigkeit“ des Betrachters, möchte Wellmann zeigen, dass das Problem der Subjektivität und Bedingtheit des Sehens einen festen Platz sowohl im künstlerischen wie wissenschaftlichen Diskurs der Vormoderne besitzt. [3]

Mit einer eingehenden Diskussion der Traktate von Alberti, Filarete, Leonardo u.a. schafft Wellmann die kunsttheoretische Grundlage für sein weiteres Vorgehen. Er zeigt, dass die Sensitivitätsunterschiede des Sehens, die mindestens seit Ptolemäus in der Optik bekannt sind, mit der Erfindung der Zentralperspektive Eingang in den kunsttheoretischen Diskurs des 15. und 16. Jahrhunderts finden (27-59). Dabei beschränkt sich die zeitgenössische Diskussion zunächst auf Fragen der Bildrezeption, d.h. die Distanz des Betrachters zum Bild in Abhängigkeit zu dessen Größe (Piero della Francesca). Zu den unscharfen Rändern der Sehpyramide gesellt sich mit Leonardo die Unschärfe im Tiefenraum (61-71). Dessen Luft- bzw. Deutlichkeitsperspektive löst nun erstmals die Konturen zum Zweck der Raumillusion sowohl im Nah- wie im Fernbereich auf.

Ein ganzes Kapitel widmet Wellmann Leonardos sfumato (73-95), das er nicht wie üblich auf rezeptionsästhetische Erwägungen zurückführt, sondern auf dessen Theorie von der Polyokularität des Sehens. Im Gegensatz zu seinen Vorläufern kommt Leonardo zu dem Schluss, dass das Sehen eben nicht in einem einzigen Punkt der gedachten Sehpyramide stattfindet, sondern in der gesamten Pupille. Daher bilde sich ein und derselbe Gegenstand vielfach unter leicht verschiedenen Winkeln im Auge ab, so dass dessen Abbilder sich überlagern und grundsätzlich unscharfe Konturen lieferten. Obwohl Leonardos These selbst in Hinblick auf zeitgenössische Theorien fragwürdig erscheint, verweist sie auf die Grenzen der visuellen Wahrnehmung, die im sfumato ihren sichtbaren Ausdruck finden.

Eine ausführliche Anwendung seines Ansatzes auf eine kunstwissenschaftliche Bildinterpretation nimmt Wellmann in den Analysen von Diego Velázquez’ Venus mit Amor und einem Spiegel (97-145) und Rembrandts sog. Kenwood-Selbstporträt (147-181) vor. Wellmann setzt das verschleierte Spiegelbild der Venus in Bezug zu den optischen Theorien von Kepler bis Descartes und legt eine Kenntnis Velázquez’ von der Akkommodationstätigkeit des Auges zumindest nahe. Das unscharfe Bild im Spiegel, dem klassischen Symbol des Sehens, verweist in dieser Lesart auf einen Blick, der allein auf den nackten Körper der Göttin fokussiert ist. Rembrandt hingegen strukturiert den Bildraum durch Bereiche der Schärfe und der Unschärfe und bestimmt damit das Zentrum der Betrachtung. Die innere Notwendigkeit einiger eher exkursorischer Abschnitte für die Argumentation in diesen Kapiteln erschließt sich nicht immer restlos, was aber angesichts des durch sie bereitgestellten kulturellen Kontextes verzeihlich ist.

Am Beispiel zweier Porträts des eher unbekannten Malers Balthasar Denner demonstriert Wellmann den Übergang der Unschärfe von einer objektiven Eigenschaft zum subjektiven Phänomen (194-211) im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts. Dabei ist es vor allem eine durch physikotheologische Ansätze enorm gesteigerte Beobachtung des Kleinsten, durch die die Bedingungen des Sehens selbst zum Problem werden. In Denners Fotorealismus avant la lettre ist die Unschärfe nach Wellmann Ausdruck einer neuen Art der Selbstbeobachtung.

Abschließend schildert Wellmann zwei kunsttheoretische Positionen des 19. Jahrhunderts (213-226). Mit John Ruskins Verzeitlichung des jeweils scharfen Seheindrucks und Richard Liebreichs Pathologisierungen malerischer Abweichung werden hier zwei ganz unterschiedliche Schwellenphänomene am Übergang zur Moderne dargestellt, denen jedoch die Emphase der Subjektivität gemein ist.

Wellmanns Buch bietet eine bisweilen durchaus spannend zu lesende Zusammenstellung markanter Entwicklungslinien von Malerei und Optik und deren Verknüpfungen. Daraus folgt zwar keine Revision der (früh-)neuzeitlichen Kunstgeschichte vom Postulat der Naturnachahmung zum autonomen Künstlersubjekt, dennoch liefert Wellmann gleichsam eine Mikrophysik des optischen Diskurses in der Kunst, durch die eine solche Entwicklung, ihre Verwerfungen, Diskontinuitäten und Kontingenzen erst verständlich werden. Nicht ganz nachvollziehbar bleibt dennoch die Entscheidung, dem 17. Jahrhundert 84 Seiten zu widmen, während das 18. Jahrhundert mit nur 28 und das 19. Jahrhundert mit gerade mal 13 Seiten abgehandelt werden, wo doch Fragen optischer Störungen in der Kunst an Bedeutung eher zu- als abnehmen. Wenn insgesamt die Perspektive mehr auf der kunsttheoretischen als auf der naturwissenschaftlichen Literatur liegt, beweist dies nur die bisher meist übersehene Bedeutung, der das Phänomen der Unschärfe seit der Renaissance zukam. Eine umfassendere Behandlung der optischen, physiologischen und anatomischen Schriften der behandelten Epochen ist im Rahmen einer Dissertation freilich auch gar nicht möglich und würde zudem wohl nichts an Wellmanns Befunden ändern. Zu bedauern ist letztlich vor allem das Fehlen eines Registers, das die Verwendung des Buchs als Kompendium erheblich erleichtern würde.

Anmerkungen

[1] Hieronymus Fabricius ab Aquapendente. De visione voce auditu. Venedig, 1600, S. 76. Übs. n. Jeanette Scharpf-Paravicini. Die spezielle Physiologie des Auges von Hieronymus Fabricius ab Aquapendente. Übersetzung ausgewählter Kapitel des 3. Buches von ‚De visione‘ mit Kommentar. Zürich, 1990, S. 60.

[2] Wolfgang Ullrich. Die Geschichte der Unschärfe. Berlin, 2002.

[3] Vgl. Jonathan Crary. Techniken des Betrachters. Sehen und Moderne im 19. Jahrhundert. Übs. v. Anne Vonderstein. Dresden u. Basel, 1996, bes. S. 37-73.





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Typ: Monographie (Print)
Sprache: Deutsch
Klassifikation: Kunst- und Kulturgeschichte
Epochale Zuordnung: 15. / 16. / 17. / 18. / 19. Jahrhundert


Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=240
Copyright by www.theaterforschung.de
Erstellt am: 27.11.2006