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Rezeptur der Bühnenkomik : Theorie und Praxis des Komischen auf der Bühne


Ort: Hamburg
Verlag:
Jahr: 2012
Autor(en): Werner Gehrcke
Autor der Rezension:
ISBN: 978-3-9542500-6-6
Umfang / Preis: 63 Seiten / EUR 14.90




In dem kleinen Büchlein "Rezeptur der Bühnenkomik-Theorie und Praxis des Komischen auf der Bühne" geht der er Autor und Schauspieler Werner Gehrcke davon aus, dass Bühnenkomik handwerklich anwendbar ist, und dass dieses Handwerk sich aus Theorien, Konzepten und praktischer Erfahrung speist. Deshalb sei es auch für den Praktiker durchaus sinnvoll, etwas über die Theorie des Komischen zuwissen. Andererseits erscheine gerade die Theorie für den Theaterpraktiker oft abschreckend und nicht anwendbar. Der Autor beschreibt das Buch als einen
Versuch einer verständlichen Beschreibung und Analyse der Bühnenkomik auf der Grundlage wissenschaftlicher Theorien und unter Berücksichtigung praktischer Erfahrungen und Belange.

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert:

Im ersten Kapitel werden einige gängige, dem Autor wichtig erscheinende Theorien des Komischen knapp umrissen (Bergson, Schopenhauer, Kant, Plessner, Lipps sowie Helmut von Ahnen). Hier nimmt die vitalistische Theorie Henri Bergsons den breitesten Raum ein, und auch in den folgenden Kapiteln bezieht sich der Autor in erster Linie immer wieder auf diesen und dessen Begriffe "Distanz" und "Harmlosigkeit", sowie das Lachen als soziale Geste, um Spannung und Geschmeidigkeit des "lebendigen Organismus Gesellschaft" zu erhalten.Da das Büchlein nicht den Anspruch erhebt, die Theorie der Bühnenkomik weiter zu entwickeln, lässt es sich ihm kaum zum Vorwurf machen, dass es einfach und unkritisch auf die üblichen bekannten Theorien zur Komik zurückgreift, die im Einzelfall, insbesondere womöglich gerade im Falle Henri Bergsons, eigentlich dringend zu hinterfragen wären. Dadurch leistet das erste Kapitel aber maximal einen Einstieg für den theoretisch noch ganz unbedarften Praktiker.

Im zweiten Kapitel wird das Feld der Komik eingegrenzt auf den spezifischen Bereich des Theaters. Voraussetzungen, Mittel und Probleme dieses Felds der Komik sollen dargestellt werden. Als Voraussetzung für Bühnenkomik wird, wieder mit Henri Bergson, das Einverständnis innerhalb der Gruppe angeführt, dass gelacht werden darf. Der Autor führt nun eine Theorie von Helmuth von Ahnen über die Verwandlung der heterogenen Individuen in eine "komische Communitas" an, bei der "Bewusstsein des Egos und Handlungen auf der Bühne miteinander verschmelzen", eine Beschreibung, die, was immer auch damit konkret gemeint sein mag, sicher nicht dem Feld der Komik zuzuordnen ist, zumindest nicht, wenn das vorher erfolgte Postulat der "Distanz" gelten soll.
Im folgenden wird unversehens ein erstes konkretes Mittel der Bühnenkomik dargestellt: Die Fiktionsdurchbrechung (Prolog, Unterbrechung durch Erzähler, Beiseitesprechen, aus der Rolle treten,...). Der Autor behauptet, dass diese Techniken ausschließlich in der Komödie und nicht im "Drama" anwendbar sind, und lässt schlicht außer acht, das dies vermutlich eher einer normativen Tradition als tatsächlichen in der Natur der Sache liegenden Bedingungen geschuldet ist, und dass eben diese Traditionen gerade heute, wo das "aus der Rolle treten" State of the Art eben nicht nur in der Komödie ist, eben doch leicht zu durchbrechen sind.
Dann wird versucht, die Begriff Ironie und Humor gegeneinander abzugrenzen und der Begriff des Tabubruchs wird eingeführt, der natürlich im krassen Gegensatz zu der vorab als notwendig postulierten Harmlosigkeit steht. Dieser Widerspruch wird hier ganz einfach dadurch aufgehoben, dass die Komik durch Tabubruch, oder auch "der schwarze Humor" (beide Begriffe werden hier adäquat verwendet) einfach als "Sonderfall" beschrieben wird, und dabei sollte doch spätestens an dieser Stelle klar sein, dass es doch eher zweifelhaft ist, ob Komik grundsätzlich harmlos sein muss. Im Folgenden wird wieder ein konkretes Mittel der Bühnenkomik angeführt, nämlich die Technik der Status-und Rolleninversion und danach kehrt der Autor dann wieder zurück zu den spezifischen Voraussetzungen für das Zustandekommen von Bühnenkomik, und betont die Subjektivität dessen, was zu verschiedenen Zeiten in verschiedenen Gruppen als komisch erachtet wird.

Die Kapitel drei und vier widmen sich nun endlich konsequent konkreten Mitteln der Bühnenkomik: In Kapitel drei geht es um die komische Figur. Der Autor verweist kurz auf die Theatergeschichte, da das Verlachen von Menschen mit groben körperlichen Defekten über lange Zeiten eine der maßgeblichen Quellen der Bühnenkomik war, was heutzutage im allgemeinen gesellschaftlichen Konsens nicht mehr unbedingt üblich ist. Er beschreibt dann mit zahlreichen Beispielen, was einen komischen Körper respektive einen komischen Charakter ausmachen kann und kommt zu konkreten Tipps und Fragestellungen für einen Schauspieler, der sich eine komische Figur erarbeiten will. Kapitel vier widmet sich in ähnlicher Weise der komischen Sprache (stimmliche Mittel, sprechgestalterische Mittel, grammatische und rhetorische Mittel), und der komischen Handlung (Kampf mit dem Objekt, Stürze, Wiederholungen, Verfolgungsjagden, Schlägereien, Tanzparodien, Zerstörung der dramatischen Spannung). Der Autor betont an dieser Stelle auch, welch wichtige Rolle hier Tempo, Timing und Anschlüsse spielen, damit sich die Komik auch tatsächlich einstellt. In Kapitel 5 werden die verschienenen Thesen und Beispiele dann nochmal zusammengefasst.

Insgesamt erscheint der Begriff der "Rezeptur", der im Titel auftaucht, als nicht schlecht gewählt, beinhaltet er doch einerseits die Idee einer Erlernbarkeit und Anwendbarkeit von einfachen Grundrezepten, und verweist andererseits darauf, dass es, wenn man ins Detail geht, für jedes Rezept nahezu endlose Variationsmöglichkeiten gibt. In diesem Sinne ist der zweite Teil des Buches, der tatsächlich die "komischen Rezepte" präsentiert, der sicherlich wertvollere.
Da es hier jedoch die komischen Phänomene weitestgehend nebeneinander gestellt werden, ohne sie systematisch zu durchleuchten oder in brauchbaren übergeordneten Begriffen zu bündeln, bleibt insgesamt der Eindruck eines für den Praktiker durchaus brauchbaren Sammelsuriums, der vom Autor angestrebte Bogen von der Theorie zur Praxis wurde aber nicht wirklich geschlagen. Oder, um mit dem Begriff des Autors zu arbeiten: Es finden sich durchaus gute (offesichtlich aus dem praktischen Gebrauch des Autors stammende) Einzelrezepte zur Bühnenkomik, aber eine Kochschule mit umfassender "Rezeptur" ist das Büchlein nicht.





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URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=1643
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Erstellt am: 14.01.2013