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Der Fall Berliner Theatermuseum


Ort: Berlin
Verlag: Pro Business
Jahr: 2011
Autor(en): Ruth Freydank
Autor der Rezension: Klaus Gerlach
ISBN: 978-3-86805-902-1
Umfang / Preis: Bd. 1 346 Seiten; Bd. 2 388 Seiten / EUR Bd. 1 34,90; Bd. 2 29,90




Ruth Freydanks Studie über die Entstehung und den Zerfall des Berliner Theatermuseums ist eine der interessantesten Arbeiten zur Berliner Theatergeschichte, die in den letzten Jahren entstanden sind, und, um es vorweg zu sagen, es ist zu bedauern, dass sie als book-on-demand erschienen ist, nicht aber z. B. in der Schriftenreihe der „Gesellschaft für Theatergeschichte“; denn diese Gesellschaft hat die Gründung des Museums immer wieder gefordert und gefördert. In dieser Reihe also wäre die Dokumentation am richtigen Platz gewesen und hätte der Gesellschaft, die auf eine glanzvolle Vergangenheit zurückblicken kann, mehr Bedeutung in der Gegenwart verleihen können.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Entstehung des Berliner Theatermuseums, das im Jahre 1929 in Berlin eröffnet wurde. Wie wir von Freydank erfahren, begann die Geschichte des Museums aber schon im Jahre 1863. In diesem Jahr kaufte die General-Intendanz der königlichen Schauspiele auf Befehl des preußischen Königs Wilhelms I. [1] die Sammlung des ehemaligen Schauspielers, Regisseurs und späteren kaiserlichen Vorlesers Louis Schneider für 5.000 Reichsmark. Es war die damals bedeutendste private Sammlung zur Geschichte der europäischen Theater im 18. und frühen 19. Jahrhundert.

An Hand von Freydanks Studie wird deutlich, dass die Museumsgründung dank der privaten Initiative des Schauspielers und Theaterdirektors Georg Droescher (1854-1945) zustande kam, der sich auf diese Weise vor einer drohenden Entlassung aus dem Staatsdienst zu helfen wußte, nachdem ihm 1919 der Beamtenstatus entzogen worden war. Die Gründung geht also nicht auf eine durchdachte, staatliche Konzeption zurück. Anfangs war das Museum nichts anderes als ein Archiv, in das die preußischen Staatstheater Archivalien und vor allem Bücher abschoben. Im Dachgeschoss des Bibliotheksgebäudes der Generaldirektion in der Oberwallstraße 22 hat es seit etwa 1930 einige Schauräume gegeben. Erst im Januar 1937 eröffnete das Museum in den dafür neugestalteten Räumen des Berliner Schlosses, im sogenannten Lynarschen Flügel, in dem ursprünglich ein barockes Theater untergebracht war. Wenzeslaus von Knobelsdorff hatte hier für Friedrich II. ein Theater nach französischem Vorbild gebaut. Hier wurden nun hauptsächlich Bilder und Skulpturen ausgestellt, während am Standort in der Oberwallstraße neue Räume für die Bibliothek geschaffen wurden. Das Hauptproblem des Museums war, wie Freydank berichtet, dass es nie selbstständig agieren konnte, sondern von Anfang an unter der Aufsicht der General-Intendanz der preußischen Theater stand. Auf diese Weise kam es immer wieder zu Kompetenzstreitigkeiten in Leitungsfragen, aber auch zu Streitigkeiten, was den Besitz einzelner Stücke oder Sammlungen betraf, da Kostüme, Skulpturen, Bilder oder Rollenbücher aus dem Fundus der einzelnen Berliner Theater stammten.

Die Studie erzählt nicht nur die Geschichte des Museums als Institution, sondern tangiert auch die Geschichte der verschiedenen Sammelgebiete, die durch die theatergeschichtliche Bedeutung der verschiedenen Objekte konstituiert wurden. Die größte Bedeutung als eine geschlossene Sammlung innerhalb des ehemaligen Theatermuseums und folgerichtig auch in Freydanks Buch kommt der Sammlung von Luis Schneider zu. Freydanks Bericht über deren Geschichte und deren Integration in das spätere Berliner Theatermuseum veranschaulicht exemplarisch die vielerlei Hindernisse und Probleme, welche die Gründung des Hauses, die Präsentation seiner Sammlung und deren Auflösung bzw. Zerfall begleiteten. Dank den Recherchen der Autorin erfahren wir, dass der Kauf von Schneiders hochkarätiger Sammlung, die vor allem aus Büchern und Graphiken bestand, lange Zeit verschleppt wurde, so dass die Kaufsumme immer geringer wurde,[2] dass sie später jahrelang unbeachtet in Kisten herumstand,[3] auf verschiedene Standorte und Institutionen verteilt[4] und wieder kurzeitig vereinigt wurde, um wieder in Luftschutzbunkern, Tresoren und Tunneln zu verschwinden, und dass sie nach dem Krieg erneut zerstückelt wurde. Heutzutage gilt sie als teilweise verschollen. Es ist ein Jammer, was aus dieser kulturhistorisch so einzigartigen Sammlung geworden ist, mit deren Hilfe ein Winfried Klara und ein Rolf Badenhausen ihre bahnbrechenden Arbeiten zur Geschichte des Theaterkostüms verfasst haben.

Eine eigene, nicht weniger hindernissreiche Geschichte innerhalb der Museumsgeschichte hat auch die Bibliothek zu erzählen. Die Bestände der Bibliothek mit ihren vielen Tausend Regiebüchern und Partituren waren einzigartig. Den Grundstock bildete der Fundus Doebbelin. Carl Theophil Doebbelin war einer der bedeutendsten Theaterprinzipale Deutschlands und der erste Direktor des 1786 in Berlin gegründeten Nationaltheaters. Doebbelins Hinterlassenschaft, Grundbestand des Berliner Nationaltheaters, wurde 1789 von der preußischen Krone übernommen. Der größte Teil des einstigen Bibliothekbestandes befindet sich heute in der Berliner Staatsbibliothek, die aus dem Staatstheaterbesitz ausgesonderte Musikliteratur wurde in die Bestände der Musikabteilung dieses Hauses integriert (S. 75).

Der größte Verdienst von Freydanks Arbeit liegt darin begründet, dass sie auf Spurensuche der in und nach dem zweiten Weltkrieg durch Kriegseinfluss, Vandalismus und durch eine politisch motivierte Zersplitterung der in Ost und West gestrandeten Sammlungen gegangen ist. In diesem Zusammenhang schreibt sie nicht nur eine hochinteressante Geschichte, sondern liefert auch eine materialreiche Dokumentation. Der zweite Band listet auf seinen 380 Seiten all die Objekte auf, die Freydank bei ihren Recherchen in Archiven, Museen und Bibliotheken gefunden hat; denn obwohl es große Verluste gibt, haben doch auch viele Bücher, Handschriften, Bilder, Graphiken, Skulpturen und Akten die Zeiten überstanden. Die Autorin (hier Archivarin) listet ihre Funde akribisch genau auf.[5] In diesen tabellarischen Listen verzeichnet sie den heutigen Standort, die Provenienz und den Inhalt. Es handelt sich um einige tausend Objekte. Die größten Bestände befinden sich nach bisherigen Erkenntnissen – denn Freydanks umfängliche und gründliche Recherchen gelangen zu keiner endgültigen Aufklärung der Sachlage – in der Berliner Staatsbibliothek, im Landesarchiv Berlin und im Archiv der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. Freydank erwähnt in ihrem Textteil auch Objekte in Museen, deren Provenienz nicht geklärt ist, und bei welchen zu vermuten ist, dass sie aus dem Bestand des ehemaligen Museums stammen, wie etwa eine „umfangreiche Briefsammlung“, die sich heute im Berliner Stadtmuseum befindet (S. 306). So schön es ist, dass viele Objekte in staatlichen Institutionen Unterschlupf gefunden haben, so sehr ist es zu bedauern, dass es bisher keinerlei Bestrebungen gab, sie wieder zusammenzuführen; denn ihrer kulturhistorischen und wissenschaftlichen Bedeutung kann diese Sammlung nur als geschlossenes Ganzes gerecht werden.

Die Vielzahl der im zweiten Band verzeichneten und aufgefundenen Objekte überdeckt ein wenig, dass die Mehrzahl nach wie vor fehlt. Das wird beim aufmerksamen Lesen des ersten Bandes deutlich. So fehlen z. B. große Teile der einstmals berühmten Handschriftensammlung, deren Kern die Korrespondenz zwischen Schiller und Iffland bildete. Über den Verbleib dieser Sammlung herrscht völlige Unklarheit. Werden, wie zu hoffen und mit großer Sicherheit anzunehmen, in den nächsten Jahren noch Objekte aufgefunden, die bei Freydank nicht verzeichnet sind, so schmälert das den Wert ihrer Arbeit nicht. Im Gegenteil, es wäre ihr Verdienst, denn erst sie weist eine breite Öffentlichkeit auf ein bislang verdecktes Problemfeld hin.

So ist es vielleicht nicht uninteressant, dass es seit Jahren in Berlin Gerüchte gibt, dass sich umfangreiche handschriftliche Materialien aus dem Umfeld der Theaterdirektion August Wilhelm Ifflands in Privatbesitz befinden und es Bemühungen gibt, sie zu verkaufen. Es handelt sich hierbei um wertvolles und unersetzliches Kulturgut.

Man merkt der vorliegenden Arbeit an, dass sie über viele Jahre hin verfasst wurde. Eine Redaktion oder ein Lektorat hätte ihr gut getan, um Wiederholungen zu streichen und mehr Stringenz in die historische Erzählung zu bringen. Zwar haben der Berliner Senat und die DFG die Entstehung der Arbeit, vor allem die aufwändigen Recherchen, zeitweise gefördert, ihre Vollendung verdankt diese Arbeit jedoch der eigenen Initiative der Verfasserin. Die Geschichte der mühsamen Entstehung und der Publikation dieser Arbeit steht in einer Parallele zu derjenigen Geschichte, die in ihr erzählt wird.



[1] Im Text heißt es fälschlicherweise „Kaiser Wilhelms I.“ (S.15 ). Es handelt sich zwar um ein und dieselbe Person, aber zum Kaiser wurde der preußische König erst 1871 gekrönt.
[2] Ursprünglich waren es 7.000 Reichsmark.
[3] Erst 1914 wurde sie im Neubau der Staatsbibliothek Unter den Linden präsentiert.
[4] Staatsbibliothek und Museum.
[5] Nur eine Ungenauigkeit ist der Verfasserin bei der Verzeichnung der Gegenstände einer Liste, die sich heute im Berliner Geheimen Staatsarchiv befindet, unterlaufen (S. 161ff.). Diese umfangreiche Liste scheint beim ersten Anblick eine Aufzählung der Archivalien zu sein, die im Staatsarchiv aufbewahrt werden. Tatsächlich ist dort aber nur die Liste selbst überliefert, von der aber keine Signatur angegeben wird.



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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=1576
Copyright by www.theaterforschung.de
Erstellt am: 17.10.2012