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Theorien des Performativen


Ort: Bielefeld
Verlag: transcript
Jahr: 2011
Herausgeber: Klaus W. Hempfer, Jörg Volbers
Autor der Rezension: Andreas Hudelist
ISBN: 978-3-8376-1691-0
Umfang / Preis: 164 Seiten / EUR 22,80




Der Sammelband zeigt, dass Theorien des Performativen laufend neu erarbeitet werden sollten, da ihre Anwendungsfelder enorm zahlreich sind. Die Benennung eines neuen turns sollte der Wissenschaft eine zusätzliche Perspektive ermöglichen. So schreibt der Ethnologe Dwight Conquergood: „The performance paradigm is an alternative to the atemporal, decontextualized, flattening approach of text-positivism.“ [1] Conquergood schreibt hier von einem Paradigma als Alternative. Ob dies der Sammelband einlösen kann wird noch zu sehen sein. Ich möchte vorerst gerne weiterhin von einem turn sprechen, da turn auf eine zusätzliche Perspektive hindeutet und nicht eine mögliche Ablösung eines Paradigmas verspricht. Auch die im Folgenden kurz skizzierten AutorInnen schreiben von einem performative turn (7) und möchten die in diesem Zusammenhang verwendeten Wörter „Performance, Performanz und Performativität“ genauer unter die Lupe nehmen. Denn die wenigsten AutorInnen gehen genauer auf die Eigenheiten der bezeichneten Termini ein. Die explizite Verwendung der Termini ist wichtig, um sie voneinander abgrenzen, um sie im Anschluss in Beziehung setzen zu können. Demnach stehen Textualität und Performativität nicht im Wettstreit zueinander, aber jede wissenschaftliche Disziplin muss sich gefordert sehen, die wissenschaftliche Weltsicht um die performative Dimension zu erweitern. In dieser Hinsicht schreib Bachmann-Medick „Der performative turn ist ausdrücklich grenzüberschreitend und kulturenübergreifend noch weiter auszuarbeiten und für kulturenvergleichende Untersuchungen nutzbar zu machen.“ [2]

Der Sammelband Theorien des Performativen stellt sich dieser Problematik und versucht in seinen sechs Beiträgen ein Feld des Performativen mit seinen Eigenheiten und seiner Vielfalt zu ergründen. Dabei betonen die Herausgeber im Vorwort, dass das Feld nicht geschlossen betrachtet werden darf, kritisieren jedoch gleichzeitig die konzeptionelle Überdehnung. Für sie beschreibt „das Performative“ ein plurales Feld von Theorien. So zeichnen sie den Weg des Performativen von der Linguistik, durch Austin als Neologismus geprägt, bis zur kulturwissenschaftlichen Verwendung nach. In Zuge dessen kann man das Buch in vier Strömungen unterteilen. Die erste bestimmen Klaus W. Hempfer und Ekkehard König, die sich mit den theoretischen Anwendbarkeitsfeldern des Performativen auseinandersetzen. Die vier AutorInnen des dritten Beitrags und Torsten Jost beschäftigen sich mit dem performativen Verhältnis von Text und Theater. Die zwei letzten Texte von Viktoria Tkaczyk und Jörg Volbers befassen sich mit dem diskursiven Verhältnis von Wissen und dem Sozialen.

In seinem Beitrag zeigt Klaus W. Hempfer, dass das Konzept des Performativen nicht auf ein konzeptuelles Zentrum zurückführbar ist. Er unternimmt dennoch den Versuch und kann drei verschiedene Felder wie Sprachphilosophie, Sprachwissenschaft und performance studies ausmachen. So stehen Performance für das Theatermodell, Performanz für generative Grammatik und Performativität für sprachphilosophische Sprechakte. Auf Grund der Vielfalt der Zugänge lässt sich für Hempfer das Theoriefeld des Performativen nur mehr mit dem Begriff des Rhizoms erfassen. Er sieht die große Gefahr, dass zum Beispiel der Begriff Performance als ein umbrella term verstanden wird und deshalb Aussagen und Aufführungen im wissenschaftlichen Diskurs synonym verwendet werden. Performance versteht Searle jedoch nicht als Inszenierung oder Aufführung, sondern im weitesten Sinne als das Äußern eines Satzes und die unmittelbare Ausführung desselben, also die Simultaneität zwischen dem Sprechenden und dem Handelnden. Die Begriffe Performanz und Performativität wurden bei Searle nicht differenziert. Sie wurden im Nachhinein erweitert und lassen als Beispiel die rhizomatische Struktur einer Theorie des Performativen erahnen. Hempfer kritisiert dabei nicht die produktiven Anschlussdiskussionen vereinzelter Disziplinen, wohl aber einer Überdehnung der Begriffe, die der deskriptiven Leistungsfähigkeit des Feldes schadet.

Ekkehard König versucht ebenfalls zu einer klärenden Diskussion innerhalb der Theorie des Performativen beizutragen. Dabei beschäftigt er sich mit den Begriffen Performativ, Performanz sowie Performativität und möchte Bausteine für eine übergreifende Theorie des Performativen liefern. Denn ein Rückblick auf das Theoriefeld fordert die Ziehung von Grenzen, sodass nicht alles unter dem Konzept des Performativen fallen kann. Eine Theorie des Performativen muss restriktiv und eng erfolgen. Dabei geht König von der Begriffsgeschichte aus, um zeigen zu können, dass oftmals einzelne Termini falsch verwendet werden. Er sträubt sich gegen die Vorstellung, dass einzelne geisteswissenschaftliche Disziplinen ihren eigenen Performativitätsbegriff definieren und fordert eine allgemeine Performativitätstheorie. Die ist allerdings von der Sprachwissenschaft motiviert und nicht in der Lage Gegensätzliches aufzunehmen.
So konkurriert das Ereignishafte der Theaterwissenschaft mit dem Prozesshaften der performativen Identitätskonstruktion. Denn ein Ereignis gilt als zeitlich abgeschlossen, der Prozess hingegen nicht. König zeigt, dass der Begriff des Performativen, wie er zum Beispiel von Fischer-Lichte gebraucht wird, nicht ohne Bedenken auf Austin zurückgeführt werden kann. Im Vordergrund stehen bei ihm die Sprache als performative Konzeption und die Gemeinsamkeiten der Konzepte von performativ und performance.

Mit dem Spannungsverhältnis Textualität und Performativität beschäftigen sich gleich fünf Autoren: Bernd Häsner, Henning S. Hufnagel, Irmgard Maassen und Anita Tranigner. In ihren Beitrag Text und Performativität schreiben die AutorInnen über das Verständnis, Kultur nicht mehr als eine fixierte decodierbare Zeichenebene textlicher Provenienz, sondern als eine Ausdrucksdimension von einzelnen Handlungen im Allgemeinen zu verstehen. Den AutorInnen dieses Beitrags geht es um die oszillierenden Spannungsverhältnisse im nicht dichotomen Bereich des Performativen. Kann man in Anlehnung auf Austin von einem performativen Text sprechen? Oder besteht das Performative eines Textes nur in der dynamischen Funktion der performativischen Betrachtungsweise? Die AutorInnen zeigen mit der performativen Lesart Austins Text (how to do things with words) durch Krämer/Stahlhut, dass nicht ein jeder Text auf seine Performativität zurückgeführt werden kann bzw. dass dabei auch Brüche entstehen können. „Der semantische Interferenzeffekt, auf den hier abgehoben wird, beruht also darauf, dass Austins Text als Makroproposition etwas sagt, was nicht mit den in ihm formulierten Teilpropositionen zum Abgleich gebracht werden kann“ (73). Das bedeutet bei Austin, dass das was er sagt etwas anderes ist, als das was er tut. Problematisch ist der Begriff der Performativität auch, wenn man ihn auf einen schriftlichen Text anwendet und das theaterwissenschaftliche Modell Fischer-Lichtes unter Berufung auf Austin und Butler versteht, da bei gewöhnlichen Texten zwei wesentliche konstituierende Komponenten des Theaters fehlen. Zum einen nämlich Akteure und Zuschauer und zum anderen der zugleich stattfindende Produktions- und Rezeptionsakt. Der theaterwissenschaftliche Aufführungsbegriff hält demnach an der Text-Performanz-Dichotomie fest, denn man „tendiert hier dazu, den Text oder das Skript als Vorlage der Bühnenrealisierung ganz auszublenden, und hält gerade damit weitgehend an der oben charakterisierten Text-Performanz-Dichotomie fest“ (79). An anderer Stelle schreiben sie: „Die dominante Vorstellung von der Transparenz des Textes und seiner semantischen Funktion wird damit relativiert zugunsten eines Oszillierens zwischen Repräsentation und Präsenz, zwischen referenziellen und handlungsbezogenen, semiotischen und nichtsemiotischen, mimetischen und poietischen Dimensionen.“ (91f) Die AutorInnen stellen also klar, dass es keinen Streit zwischen linguistic turn und performative turn auszutragen gibt, sondern die verschiedenen Zugänge eine Bereicherung der Wissenschaft bedeutet, besonders dann, wenn man in der Lage ist das Oszillierende Spannungsverhältnis zwischen Textualität und Performativität zu thematisieren.

Über das Zusammenspiel von Medialität und Performativität schreibt Torsten Jost. Für ihn sind beide Bereiche immer stark miteinander verbunden. Medialität, innerhalb von kulturellen Praktiken, ist immer auf Materialität angewiesen. „Das Konzept der Performativität stößt auf Medialität bei der Betonung der sinnlich-materiellen Qualitäten von Darstellungen. Das Konzept der Medialität stößt auf Performativität bei der Betonung des aisthetischen Charakters von Darstellungen, das heißt bei der Betonung ihrer Angewiesenheit auf Prozesse der Wahrnehmung“ (101). Diesbezüglich geht der Autor auf Gertrude Stein ein, denn sie erklärt ihre Motivation für plays medien- und performanztheoretisch. Stein schreibt, dass aufregende Handlungen in drei Formen auftauchen: im Alltag, in der Literatur und in plays. Dabei sei es für das Lesen von plays unbedingt notwendig zu blättern. In literarischen Texten werden die Personen nach und nach eingeführt, während diese in plays immer schon da sind. Aufführungen, die nach dem Text geschehen sollen, machen, so Stein, nervös. Denn bei einer Aufführung stehen unter anderem die gesellschaftlichen Konventionen im Weg und filtern somit auch Gefühle. Das Lesen eines Dramas kann demnach viel freier wahrgenommen werden, als die Aufführung desselben, da letzteres einen neuen Text schafft, der sich nicht von der Textvorlage entfernt, sondern ein eigenständiges Werk formt. Jost zeigt mit Stein, welche Argumente für und gegen Aufführungen ins Feld geschickt werden können. „Steins avantgardistische Freilegungsarbeit am Medialen enthüllt demzufolge nicht zuletzt die Notwendigkeit einer Forschung zur Performativität der Intermedialität“ (111). Denn Medien werden nicht nur verschiedenen gebraucht, sondern stehen auch untereinander in Beziehung und wirken dadurch auf Rezipienten wie auch Zuschauer.

In ihrem Text „Performativität und Wissen(schaft)sgeschichte“ beschäftigt sich Viktoria Tkaczyk mit performativen Prozessen bei der Wissensproduktion. Dabei überlegt sie sich, wo eine wissenshistorische Performanzanalyse ansetzen könnte. Sie fragt sich „unter welchen historischen Bedingungen welche Handlungsvollzüge welche Formen des Wissens konstituieren“ (117). Mit Derrida erweitert sie Austins Sprechakttheorie und stellt dar, dass das Performative ein dynamisches Gefüge ist, das sich gleichzeitig aus Präsentem und Absentem zusammensetzt. Daraus resultiert durch die Performanz des Wissens neben der Herstellung von Wirklichkeit in der Gegenwart eine sich ständig wiederholende Neukonstituierung der Vergangenheit. Sie betrachtet die Figur Ernst Florens Friedrich Chladni, der als Begründer experimenteller Akustik gelten könne, genauer und stellt an seiner Person performatives Wissen dar bzw. wie er sein Wissen performativ darstellte. Dabei lehnt sie sich stark an der poststrukturalistischen Diskussion um diskursives Wissen an, wobei sie die Autoren in diesem Zusammenhang nicht diskutiert. Schlussendlich verweist Tkaczyk darauf, dass sich eine (performative?) Blickverschiebung lohne, „um neben den unkontrollierbaren Prozessen auch noch einmal genau in Augenschein zu nehmen, wie die Maschinerien – die Anordnungen des Entdeckens, Erfindens und Darstellens – beschaffen waren und von wem sie unter welchen Voraussetzungen geschaffen wurden, um neues Wissen oder gar eine neue Disziplin zu etablieren“ (135).

Wie kann Performativität in der Sozialphilosophie und Sozialwissenschaft gedacht werden? Diese Frage beschäftigt Jörg Volbers in seinem Beitrag „Zur Performativität des Sozialen“. Die Idee des Performativen sind für ihn diskursive Marker, „die ein Problem umkreisen, das nicht auf die in ihrem Namen geführte Debatte im engeren Sinne beschränkt bleibt“ (142). Das Soziale spezifiziert er hier nicht näher, sondern schreibt explizit, dass er es allgemein halten möchte. Performativität sieht er sozial orientiert und zieht dazu auch Butler heran, die mit doing gender nicht nur darauf hinweist, dass unser sex sowie gender performativ in wiederholenden Handlungen festgelegt wird, sondern auch durch Brüche und Umschreibungen mit demselben Mittel wieder auflösbar sind. Während nach Austin durch den Kontext Sprechakte gelingen oder missglücken können, ist der Kontext bei Butler ebenso performativ konstituiert. Ein performativer Akt, so hebt Volbers hervor, geschieht im Vollzug und ausnahmslos in der Öffentlichkeit. So sind die von Austin hervorgehobene Sprechakte bei der Performativität des Sozialen eher selten, da diese erst im Vollzug entstehen und dabei auch Blicke und Gesten, die sprachlich nicht benannt werden, beinhalten. „Performativität sollte als ein spezifischer Aspekt der sozialen Praxis gesehen werden, als ein wichtiger Blickwinkel, der die konstitutionelle Offenheit und Dynamik des sozialen Handelns hervorhebt und begrifflich zu präzisieren erlaubt“ (157). Volbers würdigt in seinem Aufsatz das pragmatistische Erbe im Feld des Performativen und knüpft in weiterer Folge bei Butler und Bourdieu an, um zu zeigen, dass die Performativität des Sozialen stärker berücksichtigt werden muss.

Theorien des Performativen erfüllt die von den Herausgebern erläuterte Absicht genauer auf die speziellen Termini einzugehen und stellt darüber hinaus eine Übersicht von möglichen Anwendungsbereichen im Feld des Performativen dar. In dieser Hinsicht folgen die AutorInnen Bachmann-Medick, da sie für Grenzen überschreitende wissenschaftliche Untersuchungen plädieren. Es soll hier nochmals festgehalten werden, dass die Herausgeber in ihren Beiträgen nicht die Übertragung einer performativen Konstituierung von Wirklichkeit auf andere Phänomene kritisieren, sondern grundsätzlich die Überdehnung der Begriffe. Das bedeutet, dass unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen sich sehr wohl einer performativen Dimension annehmen sollen. Dies führen die AutorInnen des Sammelbandes letztendlich auch selbst vor. Sie beschränken sich nicht auf sprachphilosophische Verwendungen, sondern gehen auch unter anderem auf Linguistik, Theaterwissenschaft, Genderwissenschaft und Pragmatismus ein. So zeigt sich, dass alle Aufsätze der Forderung von Bachmann-Medick folgen und im Detail ergründen. Als ein mögliches Beispiel sei an die Forderung von den Ethnologen Victor Turner erinnert: „Ein Möglichkeit wäre, die interessanteren Teile von Ethnographien zu Bühnenstücken umzuschreiben, sie dann im Seminar aufzuführen und schließlich – ausgestattet mit dem Verstehen, das nicht lediglich daraus resultiert, daß man in der eigenen Kultur die Rolle des anderen spielt, sondern in die Haut der Mitglieder einer anderen Kultur schlüpft – zu den Ethnographien zurückzukehren.“ [3] Möglichkeiten sich den Theorien des Performativen zu nähern, gibt es, wie das Beispiel von Turner zeigen soll, viele, der Sammelband zeigt dabei wunderbar vor, wie es aussehen kann.

[1] Conquergood, Dwight: Rethinking Ethnography. Towards a Critical Cultural Politics. in: Communication Monographs 58, 2 (1991), S 179-194, hier S 189.
[2] Bachmann-Medick, Doris: Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. 3., neu bearbeitete Auflage. Rowohlt, Hamburg 2009. S 103.
[3] Turner, Victor: Vom Ritual zum Theater. Der Ernst des menschlichen Spiels. Fischer, Frankfurt a. M. 1982. S 141.





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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
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