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Polnische Dramen in Deutschland : Übersetzungen und Aufführungen als deutsch-deutsche Rezeptionsgeschichte 1945 - 1995


Ort: Köln
Verlag: Böhlau Verlag
Jahr: 2011
Autor(en): Ulrich Steltner, Christine Fischer
Autor der Rezension: Andreas Englhart
ISBN: 978-3-412-20669-7
Umfang / Preis: 297 Seiten / EUR 39.90




Polen ist seit dem Fall der Mauer und der politischen sowie gesellschaftlichen Neuorientierung Europas vor dem Hintergrund der Globalisierung nach 1989 deutlich in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Dennoch scheint das Nachbarland im Vergleich mit dem Blick nach Westen immer noch wenig Beachtung zu finden, insbesondere, wenn es sich um genauere gesellschaftliche und kulturelle Strukturen, lokale Gegebenheiten, Persönlichkeiten und relevante Ereignisse handelt, die über weit verbreitete, von beiden Seiten gerne gepflegte Stereotypen und Klischees hinaus reichen. Und dies, obwohl Literatur, Kunst und insbesondere das Theater in und aus Polen für die Entwicklung des globalen, westeuropäischen und deutschsprachigen Theaters von kaum zu überschätzendem Wert ist. In diesem Kontext ist eine Veröffentlichung, welche sich mit polnische Dramen in Deutschland, mit Übersetzungen und Aufführungen als deutsch-deutsche Rezeptionsgeschichte in den prägenden Jahren 1945 –1995 beschäftigt, eine kultur- und theaterwissenschaftlich höchst relevante Arbeit. Der Einfluss des polnischen Theaters ist schon, wenn man sich nur die Theatergiganten Jerzy Grotowski oder Tadeusz Kantor vor Augen führt, evident, können doch beide als ‚Väter’ des deutschsprachigen Regietheaters seit den 1960er Jahren bezeichnet werden. Auch die Theorie und Praxis des postdramatischen oder performatives Theaters wäre ohne die höchst prägnanten Inszenierungen Kantors und Grotowskis nicht möglich; wenn wir heute avancierte Produktionen des deutschsprachigen Regietheaters sehen, dann sind die beiden polnischen Theaterästhetiken irgendwie immer mit im Spiel. Leider wird dieser Umstand in Polen selbst kaum wahrgenommen, dort richtet man derzeit öfters einen etwas bewundernden Blick auf das spannende Regietheater aus Berlin, München, Frankfurt oder Hamburg, scheint aber vergessen zu haben, dass dieses wiederum zentrale Anregungen aus Polen bezogen hat. Natürlich ist die Spurensuche nach Grotowski und Kantors Ästhetiken in der Tiefe des theaterhistorischen Raums in Polen und in der deutschsprachigen Theaterlandschaft nicht einfach, allerdings aus verschiedenen Gründen. Während man bei Grotowski von einer Überzahl an Spuren und prägenden Abhängigkeiten sprechen und eher von ihm selbst bzw. seiner Arbeit als Prima Causa vieler anschließender Entwicklungen und Übernahmen ausgehen kann, steht Kantors ‚Wandertheater’ etwas für sich. Er ist der Reisende über die Grenzen, der Stile, Bilder, Formen sowie Ideen aufnimmt und zugleich mit seinen performativen Inszenierungen für fast alle deutschsprachigen Regisseurinnen und Regisseure Vor-Bilder liefert, die aber eher atmosphärische Übernahmen sind. Ohne Zweifel lässt sich die Ästhetik Kantors, dessen aufgeführte Stücke im Kulturtransfer Teil der vorliegenden Publikation sind, in der Basis des postdramatischen Theaters finden, sowohl, was die Strukturen – man denke nur an Grüber oder Wilson –, als auch was die gesamte Atmosphäre – Stichwort Marthaler – betrifft. Auf verschlungenen Wegen, vergessenen Umschlagplätzen, über viele Distributoren und in leitenden Institutionen verbreitete sich Grotowski über die Welt, beeinflusste Richard Schechners Environmental Theatre genauso wie die Lehre der Schauspielschulen, unterstützte die Performance oder Live Art im Theater bzw. das postdramatische Theater. Dieses reüssierte zum Beispiel, nun mehrfach transponiert, im März 2012 auf einem Lodzer Theaterfestival in einer Gastproduktion der Volksbühne, Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang! von René Pollesch, der am nächsten Abend eine polnische Produktion des Theaters TR Warschau, Jackson Pollesch, mit polnischen Schauspielern, aber wie immer unter der Regie des Autors, folgte. Der Kulturtransfer zwischen Polen und Deutschland, oder genauer gesagt, die globale kulturelle Mobilität, die auch Polen und Deutschland mit einschließt, läuft auf Hochtouren. Und zwar bereits seit Jahrzehnten, wie dem Band zu entnehmen ist; dabei werden neben Berühmtheiten wie Witold Gombrowicz, Tadeusz Kantor, Tadeusz Rozewicz und Slawomir Mrozek Dramatikerinnen und Dramatiker wie Jerzy Andrzejewski, Roman Brandstaetter, Kazimierz Moczarski, Marek Domanski, Agnieszka Osiecka oder Bohdan Drozdowski gerne übersehen, obwohl sie einen nicht wegzudenkenden Teil der deutschsprachigen Theatergeschichte bilden. Dass diese wiederum, wenn man den Zeitraum nach der Stunde Null bis Mitte der 1990er Jahre untersucht, lange Zeit in West- und Ostdeutschland unterschiedlich verlaufen ist, und dies sich insbesondere auch in der Rezeption, in verschiedenen Übersetzungen und Aufführungen der polnischen Dramatik, zum Ausdruck brachte, ist das spannende Thema der vorliegenden Publikation, welche die Ergebnisse eines durch die DFG geförderten Forschungsprojekts präsentiert. Insofern ist sie, wie für so eine ein Forschungsunternehmen abschließende Schrift üblich, im besten Sinne solide, angenehm uneitel und informativ positivistisch. Entschieden hat man sich von vornherein mehr für Auflistungen, Einordnungen, erste interpretatorische Erschließungen und weitestgehende Vollständigkeit, und wenig oder gar nicht für modische Theoriepräsentationen, wenn man von vorsichtigen Einspielungen der Intertextualitätsperspektive und von Übersetzungstheorien absieht. Dies hat den Vorteil, dass die Untersuchung kein Verfallsdatum aufweist. Der Nachteil ist ein zuweilen etwas anstrengendes Leseerlebnis.

Ohne dass dies nun langwierig erörtert wird, steht im Hintergrund der Methode das gerade in der wissenschaftlichen Perspektive der interkulturellen Kommunikation virulente Konzept des Kulturtransfers. Als Prozess geht es um Formen der Vermittlung zwischen einer Ausgangs- und einer Zielkultur; transferiert und rezipiert werden nicht nur Texte, sondern auch Bilder, Praktiken, Institutionen und Ästhetiken. Obwohl das Konzept des Kulturtransfers großzügig auch mehrpolige Konstellationen zulässt, hat es seinen Schwerpunkt aber in einer bilateralen Beziehung bzw. bipolaren Struktur. In diesem Sinne bietet sich das Konzept des Kulturtransfers naturgemäß immer an, wenn man ein Forschungsprojekt auf eine bilaterale Beziehung aufbaut und die polnische sowie deutschsprachige Theater- und Kulturlandschaft in den Blick nimmt, wobei in der vorliegenden Publikation wiederum der deutschsprachige Raum in den der ehemaligen BRD und den der DDR geteilt ist. Aufgebaut ist das Buch betont klar und logisch, im ersten Kapitel werden ohne Herausstellung, sozusagen mit neutralem Ergebnis, polnische Autoren und deren aufgeführte Dramen referiert, dem folgt im zweiten Teil eine qualitative Gewichtung dieser Aufführungen, die in aufschlussreichen Bezug zum polnischen Kanon gesetzt wird. Im dritten Kapitel werden, ausgehend von den Dramentexten, fünf Untersuchungsrichtungen eingeschlagen: Motive sowie Themen, intertextuelle Bezüge, Figuren, Probleme der Sprache und Realia, verstanden als Ebene der Referenz. Dem schließen sich im vierten Kapitel Fallbeispiele an, konkret werden Dramenübersetzungen und -aufführungen von vier polnischen Autoren, namentlich Leon Kruczkowski, Ireneusz Iredynski, Zbigniew Herbert und Tadeusz Rózewicz, untersucht und an diesen dann direkt die Differenzen von Ost- und Westinterpretationen aufgezeigt sowie erklärt. Im letzten Teil wird noch mal ausführlich auf die verschiedenen Legitimationen, Kommentare und Wertungen eingegangen, die mit den Aufführungen der polnischen Dramen auf den Bühnen in Ost- und Westdeutschland verbunden sind. Hierzu werden vor allem Kritiken ausgewertet, auffallend sind die Spannungsfelder zwischen der Institution des Theaters und der Kulturpolitik, gerade wenn man an den in der DDR so verstandenen Naturalismus oder an die Ästhetik des Absurden in der BRD denkt. Die Publikation wird durch ein sehr informatives Register zu Autoren, deren Stücke und Aufführungen abgeschlossen.

Nun wäre aus theaterwissenschaftlicher Sicht leise zu kritisieren, dass eine Untersuchung, Analyse und Reflexion der Aufführungen nicht wirklich stattfindet, es handelt sich allgemein um eine Interpretation der Dramentexte und kulturkritischer Texte. Dies war jedoch von vornherein nicht der Anspruch der Verfasserinnen und Verfasser, die auf zukünftige „Interferenzen zu genuin theaterwissenschaftlichen Fragen“ verwiesen. Nichtsdestotrotz bleiben Leerstellen, wenn das methodische Gerüst auf der Begründung aufbaut, dass das Drama als Gattung ein zur Aufführung gedachtes Gebilde sei. Ein weiterer Einwand könnte man aus der weitgehenden Ignorierung der aktuellen Forschung zum Kulturtransfer und zur kulturellen Mobilität herleiten, zumal die DDR, die BRD und Polen als jeweils scharf abgegrenzte, kulturell homogene Gebilde erscheinen und der Gefahr des Essentialismus nicht aktiv entgegengearbeitet wird. Zu sehr wird zwei- bzw. dreipolig gedacht, alle weiteren Bezüge, Mobilitäten, Paradoxa und Komplexitäten werden mehr oder weniger ausgeblendet. Die untersuchten Kulturen werden nicht, wie etwa Stephen Greenblatt in seinem „mobility studies manifesto“ fordert (1), als Produkt komplexer grenzüberschreitender Austauschprozesse gesehen, Austauschwege, Umschlagplätze, materielle Hürden, Bewegungsmittel, Fahrpläne, Karten nicht beachtet, unbewusste oder versteckte Bewegungen und Performanzen gar nicht erst gesucht, Kontaktzonen oder Agenten des kulturellen Austausches nicht wirklich identifiziert, überhaupt eine grundlegende Dialektik zwischen kulturellem Beharrungsvermögen oder Routinen und Aufbruch bzw. Grenzüberschreitung weitgehend negiert. Gerade das Lokale, das oft im Spannungsverhältnis zum Globalen steht, wäre womöglich mit dem Konzept der kulturellen Mobilität besser sichtbar gemacht worden, wenngleich die damit verbundene Komplexität ein solides Forschungsprojekt zum Scheitern hätte bringen können. Daher ist vielleicht gerade aufgrund der unprätentiösen Vorgehensweise der Ertrag dieser Publikation doch als sehr hoch einzuschätzen, unzweifelhaft ist sie eine unverzichtbare Basis für alle weiteren, dringend notwendigen Erforschungen des polnisch-deutschen Verhältnisses und der verschiedenen Ausprägungen des Kulturtransfers bzw. der kulturellen Mobilität.

(1) Stephen Greenblatt: Cultural Mobility. A Manifesto, Cambridge 2010.



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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=1521
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