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Epische Szenen in tragischem Kontext


Ort: Frankfurt am Main
Verlag: Peter Lang GmbH
Jahr: 2011
Autor(en): Georgios Kraias
Autor der Rezension: Nicole Hilbig
ISBN: 978-3-631-62150-9
Umfang / Preis: 272 Seiten / EUR 52.80




Homer als der Nationaldichter der griechischen Antike hat die Nachwelt in jeder Hinsicht bis heute beeinflusst. Durch den außergewöhnlichen Dichtungskult der Griechen war Homer auch in der klassischen Zeit äußerst populär, sodass ferner die drei großen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides dessen Werke kannten. Wie stark der homerische Einfluss jedoch bei Aischylos, der in der Forschung als ὁμηρικώτατος gilt, zu finden ist, untersucht Georgios Kraias in seiner Dissertation.
Um die spannende Rezeption homerischer Elemente in Aischylos’ Werk herauszufiltern, hat sich Kraias vornehmlich für die Analyse „szenischer Intertextualität“ entschieden. Hierdurch ist es ihm möglich, neben inhaltlichen und sprachlichen Aspekten auch die strukturellen Übereinstimmungen in den aischyleischen Dramen zu bestimmen. Darüber hinaus kann er die Unterschiede und Abweichungen von den homerischen Vorlagen in direkter szenischer Gegenüberstellung verdeutlichen.
Neben der Untersuchung, Was Aischylos bei Homer aufgegriffen hat, steht besonders die Frage nach dem Warum im Fokus seiner Aufmerksamkeit. Dabei spielt auch die Überlegung eine Rolle, inwiefern die einzelnen epischen Bezüge für die Umsetzung eines dramatischen Geschehens überhaupt sinnvoll erscheinen.

Im ersten Kapitel skizziert Kraias seine Thesen sowie deren Zusammenhänge und begründet seine Wahl der aischyleischen Dramen, die er den Epen Homers gegenüberstellen möchte. Das sind die Perser, Sieben gegen Theben und dessen „Meistertrilogie“ Orestie. Letztere ist besonders spannend, da Anknüpfungspunkte, die Kraias „Knotenpunkte“ nennt, durch denselben mythischen Stoff hauptsächlich in der homerischen Odyssee zu finden sind. Die Sieben gegen Theben können durch das gleiche kriegerische Thema mit Homers Ilias verglichen werden. Die Perser stehen in Analogie zu Szenen aus der Odyssee und der Ilias.
Georgios Kraias behandelt nicht, wie man vermuten könnte, jedes der drei Werke für sich, sondern nur ausschnittsweise unter folgenden drei Gesichtspunkten: einander entsprechende Szenen (2. Kapitel), die Schlussszenen (3. Kapitel), die narrativen Techniken (4. Kapitel) und als kurzen Abriß einander entsprechende Mythen (5. Kapitel).

Szenenvergleiche als Funktionsdifferenz der beiden Dichter

Die erste Szenengegenüberstellung, die Kraias vergleicht, ist die Dareios-Szene der Perser mit der Teiresias-Szene aus der Odyssee. Hier zeigen sich mehrere Knotenpunkte: die Erscheinung von Verstorbenen, das zeremonielle Trankopfer und die Prophezeiungen über die künftigen Heimkehrer. Was Kraias besonders hervorhebt, ist die unterschiedliche Funktion desselben Inhalts bei Aischylos und Homer. „Dareios erhebt sich von den Toten und tritt auf die Bühne, während Odysseus in die Unterwelt eintritt und dort Teiresias trifft.“ (S. 50) Aischylos konzentriert sich also vor allem auf die Wirkung des dramatischen Geschehens, wohingegen Homer durch den „Abstieg Odysseus ins Totenreich in die märchenhafte Handlung der Odyssee“ (S. 50) einführt.
Der zweite Szenenvergleich bedient die Sieben gegen Theben und die Ilias. Kraias stellt der Szene des Eteokles’ mit Chor die Szene Hektors und die adeligen Frauen gegenüber. Es wird dargelegt, dass die Rolle der Männer und der Frauen während des Krieges bei beiden Dichtern übereinstimmend übertragen wird. Inhaltlich, strukturell und sprachlich sind beide Szenen gleich strukturiert. Doch setzt Aischylos auch hier eine Neuerung ein: hysterische Jungfrauen statt adelige Frauen. Kraias bietet ebenfalls für diese Veränderung eine Erklärung: „Die Opferperspektive findet durch die Jungfrauen den besten Ausdruck und wird so für die Zuschauer nachvollziehbar.“ (S. 65) In der Gegenüberstellung dieser Frauengruppen und in der anschließenden Analyse einiger typisch aischyleischer Sprachelemente verweist Kraias auf die Besonderheit der Bildersprache Aischylos’, indem Worte, Wörter und Buchstaben inhaltliche Zusammenhänge äußerlich widerspiegeln.
Der letzte Szenenvergleich fällt auf Orest und Elektra gegen Odysseus und Nausikaa. Die Knotenpunkte sind motivisch der Traum und die Frauengruppe, inhaltlich die (Wieder)Erkennung in der Unterhaltung und das Schmieden eines Plans. Neben kleineren Abweichungen ist vor allem die Szenenfunktion wieder der wichtigste Unterschied. „Die dramatische Dimension in der Begegnung der beiden Geschwister ist im Epos in keiner Weise angedeutet“. (S. 89)
Kraias zeigt also, dass insbesondere die Funktion der jeweiligen Szenen bei Homer und Aischylos unterschiedlich konzipiert wurde, wohingegen der Inhalt, die Struktur und auch die Sprache durchaus übereinstimmen.

Schlussszenenvergleiche als Allusionsoffenbarung

In den Schlussszenen zeigt sich, so die These Kraias’, die besondere Rekurrenz Aischylos’ auf Homer. Jedes Drama endet mit einem „langen Kommos, der zwischen Hauptperson und Chor stattfindet“. (S. 96) Trauer, Tod und Versöhnung werden jeweils auch bei Homer in deutlicher Übereinstimmung behandelt, sodass die Xerxes-Szene der Perser mit der Schlussszene der Ilias, die Schlussszene der Sieben gegen Theben ebenfalls mit der der Ilias und die Eumeniden mit der Schlussszene der Odyssee verglichen werden kann.
Die erste Gegenüberstellung verdeutlicht den Verlust Hektors im Zweikampf mit Achill, wodurch im Epos Klagelieder entstehen, im Drama jedoch „kein individueller Tod betrauert“ wird. (S. 97) Die Trauer als letztes Gefühlsausdruck schließt das Drama und Epos jedoch im Ganzen ab, die es bezüglich dieses Stoffes in keinem anderen Werk gibt. (S. 104)
Das Motiv der Trauer erfolgt auch in der zweiten Gegenüberstellung des Schlusses der Sieben gegen Theben sowie des der Ilias. „Der Tod beider Brüder im Zweikampf entspricht dem Tod Hektors beim Duell mit Achill und die Trauer des Chores und der gerade aufgetretenen Schwestern gleicht den Klagen der Verwandten bei Hektors Bestattung.“ (S. 107) Diese Zusammenstellung, indem sie jeweils am Ende der Stücke vorkommen, und die Struktur beibehält zeigt laut Kraias, dass der „Vergleich am stärksten gerechtfertigt“ ist. Parallelen liegen besonders im tödlichen schicksalhaften Zweikampf vor, der dazu führt, dass die beiden Kämpfer betrauert werden und dass beide Verstorbenen Feldherren sind. Genauso kann die Figur der Kassandra mit dem Boten, beide als verkündende Personen dienend, in Bezug gesetzt werden. Allerdings formt Aischylos auch hier wieder Kleinigkeiten um, damit sie den Bedingungen der Tragödie angepasst werden. Aischylos’ zweckorientierte Angleichung ist demnach in allen Gegenüberstellungen notwendigerweise vorhanden.
Die Schlussszene der Eumeniden wird mit dem Schluss der Odyssee verglichen. Knotenpunkte sind vor allem der „Eingriff Athenes in Gestalt eines Richters“ und der „Zusammenfall einer und derselben Szene am Ende eines vollständigen Werks“. (S. 119 f)
Athenes Intervention bewirkt in der Orestie zwei Versöhnungen. Zum einen die Freisprechung Orests und zum anderen die Verwandlung der Erinnyen in Eumeniden. Kraias fragt sich, weshalb Aischylos diese Doppelung konzipiert hat, die in der Odyssee im alleinigen Frieden stiften nicht vorliegt. Er kommt zu dem Ergebnis, dass dadurch „die euphorische Stimmung des Triumphes am Ende des Stückes intensiviert und vollendet wird“. ( S. 123)
Man darf bei dieser Untersuchung nicht davon ausgehen, dass alle szenischen Intertextualitäten sofort ersichtlich und einleuchtend sind. Durch die strenge Bündigkeit, die in der Arbeit vorherrschend ist, neigt Kraias manchmal zur für den Leser ungenügenden Darstellung der Parallelen und Unterschiede. So bleiben manche Ansätze unausgefüllt. Trotzdem gelingt es ihm, die wichtigsten Knotenpunkte anschaulich und überzeugend darzulegen.

Erzählweisen als deutliche Rekurrenz auf Homer

Die Erzählweise ist ein weiterer spannender Ansatz für die Allusion. Kraias legt im vierten Kapitel äußerst plausibel dar, wie die epische Erzählweise auch in den aischyleischen Dramen angewandt wird und dass dadurch eine deutliche Anspielung auf Homer zu verzeichnen ist. Folgende vier narrative Techniken werden behandelt: Kataloge, Botenberichte, Schildbeschreibung und die Teichoskopie bzw. –machie.
„Aischylos ist der einzige Tragiker, in dessen Werk“, augenscheinlich in den Persern, „noch einmal die epische Katalogtechnik auftaucht“. (S. 132) Im direkten Vergleich entsprechender Kataloge, die in der Ilias oder Odyssee vorkommen, zeigt sich, dass Aischylos stets mit einem homerischen Katalog in Verbindung steht, das Thema also entscheidend ist. Außerdem behält er die Struktur bei, verändert jedoch die Namen, sodass er wiederum Wichtiges den Bedürfnissen seiner Dramen anpasst. Die Funktion sieht Kraias demnach ebenfalls in der dramatischen Wirkung, die durch den aufzählenden Apparat gesteigert wird.
„Aischylos gilt als der Erfinder des Botenberichtes und zugleich als Einführer des zweiten Schauspielers im Drama.“ (S. 147) In den Werken Homers tauchen hauptsächlich göttliche Boten oder anonyme Überbringer von Auskünften auf. Bei Aischylos sieht das schon anders aus. Allerdings konzentriert sich Kraias nicht auf die äußerliche Struktur, sondern auf die innere. Es geht ihm um die Wahrheitstreue, um die Forderung wahrheitsgetreuer Wiedergaben. Mit der Verpflichtung der Boten, alles vollständig und der Wahrheit entsprechend zu berichten, indem die Fragenden ihm den entscheidenden Anstoß dazu geben, zeigt sich, dass in dem Frage/Aufforderung-Antwort-Spiel ausdrücklich Verweise auf Homer vorliegen. Auch der zentrale Aspekt des kurzen Zögerns vor und nach der Rede ist bei beiden Dichtern konkretisiert. Eine aischyleische Neuerung ist das „historische Präsenz“ in einem Botenbericht, das bei Homer vollkommen fehlt. Mit dieser Umgestaltung gelingt es ihm, die Unmittelbarkeit auf der Theaterbühne noch lebendiger hervorzubringen.
Die Schildbeschreibung ist eine besondere Allusion in dem Punkt, dass bei beiden Dichtern das Schild und die Inschriften bzw. Motive darauf eindeutige Hinweise auf die Gemütsverfassung des Trägers sind. Die entsprechenden Abbildungen bzw. Gravuren auf den Schilden lassen sich sowohl bei Homer als auch Aischylos finden. Die Funktion ist es schließlich, „das Nicht-Sichtbare vor dem inneren Auge sichtbar zu machen“. (S. 179) So werden im Unterschied zu Homer die Schilde auch zur „Zukunftsprognose“ umgewandelt, was Kraias als „tragische Ironie“ bezeichnet.
Die Teichoskopie oder –machie, die Mauerschau bzw. Kampf um die Mauer, werden von Aischylos oft verwendet, um die „Angreifer und Verteidiger im Drama als episch-homerische Helden zu verstehen, ferner erinnern die Belagerer und Belagerten aus der Tragödie durch die Art ihrer Äußerungen an die homerischen Trojaner und Archäer.“ (S. 196) Hier zeigt sich ebenfalls der deutliche Rückgriff auf Homer, indem er bezüglich der „Kriegsideologie“ sich offensichtlich dessen narrativer Techniken bedient.

Die Frage, warum Aischylos rein-epische Techniken aufgegriffen oder gar wiederbelebt hat, beantwortet Kraias damit, dass der Dramatiker tatsächlich und mit Ausdruck auf Homer anspielen wollte. Interessant ist aber immer die Frage, warum Aischylos sich dermaßen auffällig auf Homer bezogen hat. Kraias ist der Meinung, dass dessen Werke Aischylos insbesondere als Inspirationsquelle dienten und vor allem durch die Umwandlung homerischer Szenen und Techniken neue wirkungsmächtige Aspekte des Stoffes oder Themas hervorbrachten. Erst in der Angleichung an die Funktion des Dramas kommen diese Perspektiven zum Vorschein.

Im fünften Kapitel stellt Kraias fest, dass sich Homer und Aischylos nicht immer auf den gleichen Aspekt eines Mythos’ konzentrieren, sodass auch der Mythenvergleich als interessant erscheint. Dieser kleine Exkurs behandelt explizit Agamemnons Ermordung und die Personenkonstellation Vater-Mutter-Sohn. Kraias untersucht unter diesen Gesichtspunkten die Werke Orestie und die Odyssee und kann aussagen, dass die Interpretation besonders in der Schuldfrage von Agamemnons Ermordung sehr unterschiedlich ausfällt. Homer lässt beispielsweise Aigisthos als Mörder und Klytaimnestra nur als Komplizin erscheinen, während Aischylos Klytaimnestra als Mörderin und Aigisthos nur als Komplizen auftreten lässt. Diese Unterscheidung ist besonders für den Fortlauf des Dramas ausschlaggebend, weshalb er diese Umdeutung bewirkt, da beide Möglichkeiten bereits vorhanden waren.

Fazit

Die Fragestellung, auf welche Art und Weise Aischylos einzelne Szenen der Werke Homers auf sprachlicher, inhaltlicher, struktureller und sogar funktionaler Ebene in seinen Dramen übernommen hat, stellt Kraias in seiner Forschungsarbeit überzeugend und verständlich dar. Auffällig ist besonders die deutliche Kürze und Prägnanz der Argumentation. Ohne ausschweifende Exkurse oder allzu häufige Zitation gewisser Forschungsliteratur schafft es Kraias, den Kern der Sachlage sehr schnell darzulegen und in ungewohnter Bündigkeit zu erläutern.
Dass der Großteil der Seiten überwiegend mit Fußnoten ausgefüllt ist, macht es manchmal beschwerlich, die einzelnen Nachweise zu verfolgen. Schnell gerät man dadurch aus dem Zusammenhang. Dennoch sind die fundierten Bemerkungen eine erhebliche Bereicherung für den wissenschaftlichen Nachvollzug sowie für weiterführende Beschäftigungen spezifischer Aspekte.
Kraias verwendet für seine Untersuchung ausschließlich griechische Teilzitate, die unübersetzt und weitgehend unkommentiert bleiben. Dies erschwert es den Lesern, die in Altgriechisch nicht vollkommen ausgebildet sind, die Anführungen nachzuvollziehen. Allerdings fügen sich die Zitate in den Text so gut ein, dass sie mit der Zeit formlos überlesen werden können.
Kraias leistet mit seiner Dissertation einen wichtigen Beitrag zur Allusionsforschung zwischen Aischylos und Homer. Viel spannender ist aber die grundlegende Erarbeitung der funktionalen Umdeutung entsprechender homerischer Szenen, die für Aischylos im Zuge der Wirkungsästhetik im Drama, anders als im Epos, von großer Bedeutung ist. Diesen Aspekt, dass die punktuelle Veränderung eine deutliche Funktionsverschiebung erhält, hätte Kraias durchaus noch mehr Raum geben können.



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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
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