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Tanz und WahnSinn / Dance and ChoreoMania


Ort: Leipzig
Verlag: Henschel Verlag
Jahr: 2011
Herausgeber: Johannes Birringer, Josephine Fenger
Autor der Rezension: Eike Wittrock
ISBN: 978-3894877103
Umfang / Preis: 304 Seiten / EUR 19.90




Josephine Fenger und Johannes Birringer haben sich mit ihrem Sammelband Tanz & WahnSinn bzw. Dance & ChoreoMania Großes vorgenommen. Der Band ist als Jahrbuch der Gesellschaft für Tanzforschung (GTF) 2011 erschienen und versammelt englisch- und deutschsprachige Beiträge, die die Beziehung von Tanz und Wahnsinn in weit gestreuter historischer und methodischer Breite zu erfassen versuchen. Die Herausgeber und viele der Autoren verbinden dabei, was in der zeitgenössischen Tanzforschung häufig vorkommt, praktisches mit theoretischem Wissen. Es schreiben Choreografen, Tanztherapeutinnen, Tanz- und Theaterwissenschaftlerinnen, Historiker, eine Ethnologin und ein Theologe. Einige der Beiträge sind dabei explizit als Bericht aus der künstlerischen Praxis, bzw. als künstlerische Forschung markiert.
Zu Recht positioniert der Band so das Feld von Tanz und Wahnsinn interdisziplinär, da sich in diesem Untersuchungsbereich therapeutisches, psychologisches und neurologisches Wissen mit ästhetischen, religiösen und bisweilen esoterischen Überlegungen notwendig verschränken. Besessenheitsphänomene wie der Tanzwahn (Choreomanie) stellten z.B. im 19. Jahrhundert einen Wissensgegenstand dar, der von unterschiedlichen Forschern aufgegriffen und als vormalig religiöses Phänomen unter medizinischen und psychologischen Gesichtspunkten neu betrachtet wurde. Gleichzeitig erlaubt der Untersuchungsgegenstand Choreomanie die Grenzen eines kulturell und historisch gebundenen Verständnisses des Tanzes abzuschreiten. Da dieser Zustand eher aus unwillkürliche Zuckungen und Konvulsionen als aus geführten Bewegungen besteht, markiert er auch den Rand dessen, was man gemeinhin unter Tanz versteht. Hierin lag wiederum auch das moderne Potential der Choreomanie, denn der Moderne Tanz sah in ekstatischen Tänzen eine Möglichkeit sich vom einem klassischen akademischen Tanzverständnis, das auf Disziplin und Körperkontrolle basierte, zu verabschieden.

Der Call for Papers (http://theaterforschung.de/date.php4?ID=2160) versucht für das disparate Material die These oder den roten Faden des „Analogiezauber von Tanz als Krise und Kur“ aufzustellen. Diese Ambivalenz der Ausrichtung des getanzten Wahnsinns gleichzeitig Symptom und Therapie zu sein, die sich in die Ununterscheidbarkeiten von Kunst/Krankheit, willkürlicher/unwillkürlicher Bewegung, Wahrheit/Wahnsinn oder gestaltetem Ausdruck/zwanghafter Tanzwut weiterführt, verliert sich als klare Leitthese jedoch im Verlauf des Bandes. Josephine Fenger gelingt es dabei noch, in ihrer Einleitung „Chorea – Krise und Katharis“ die zum Teil weit auseinanderklaffenden Beiträge zusammenzubringen, in dem sie alle möglichen Aspekte des Themas anreißt und verschiedene Bögen schlägt. Dabei entsteht gleich mit dem ersten Aufsatz des Bandes ein gelungener Überblicksartikel, dessen Thesen im späteren Verlauf des Bandes leider nur noch in Ausnahmen von den Einzelbeiträgen gewinnbringend differenziert werden. Fenger stellt das Vorhaben auf, sowohl den „Wahn im Tanz“ wie auch den „Tanz im Wahn“ einer phänomenologischen Betrachtung unterziehen zu wollen: „Im Interesse der Tanzforschung liegt gerade diese Reflektion aus multiplen Perspektiven und Forschungsrichtungen, die veranschaulichen soll, wie Varianten des Wahnsinns und des Tanzwahns über eine lange historische Tradition hinweg den künstlerischen und therapeutischen Tanz sowie sozialgeschichtliche Diskurse beeinflussen, als Ausdruck des Ausnahmezustands, als Vehikel zur Ekstase wie als Bewältigungsstrategie.“ (S. 13) Fenger ergänzt dann in ihrem Referat der einzelnen Positionen des Bandes die dort aufgeführten Beispiele noch um weitere – hauptsächlich aus dem 19 Jahrhundert. Süditalienischer Tarantismus, das Romantische Ballett Giselle, die Hysterikerinnen in Charcots Klinik und die Bewegungsformel der Mänade werden jeweils kurz aber prägnant vorgestellt, und unter verschiedenen Aspekten betrachtet, die das Phänomen (bzw. die Gruppe von Phänomenen) zwischen Theatralität und Wahn, künstlerischer Darstellung und gesellschaftlicher Erscheinung, Krise und Kur verorten.

Johannes Birringers Essay „Is You Me? Dance and Choreomania“ geht dann, nach Fengers eher historisch ausgerichteter Einleitung, das Thema ganz anders, nämlich von Texten und Performances „that have troubled and attracted me“, an. Birringer schreibt seinen Text aus einer künstlerischen Warte, ihn interessiert weniger die historische Ordnung des Materials als das choreomanische Potenzial des (zeitgenössischen) Tanzes. Er beobachtet in der Choreomanie einen „loss of the syntactical“ (S. 36), der sie zu einer Unterbrechung der bestehenden Ordnung der Dinge macht. Choreomanie als Modus des Tanzens (nicht der Choreographie, wie Birringer betont) ermöglicht die Destabilisierung von Identitätskategorien – ein künstlerisches Ziel, das er aus der Philosophie Gilles Deleuzes ableitet. Wahnsinn (besonders als Schizophrenie) wird somit für Birringer zu einer Schlüsselkategorie zeitgenössischer Tanzästhetik, choreomanic possibilities nehmen für ihn die Stelle der Choreographie ein. Birringers Verwendung des Begriffs Wahnsinn (bzw. Madness) ist kein unproblematischer. Er verwendet ihn als „Metapher“ oder „Diskursmaschine“, womit er – wie er selbst einräumt – heikles Terrain betritt. Mit der Inthronisierung des Wahnsinns als leitende Kategorie des zeitgenössischen Tanzes folgt Birringer der Schizo-Analyse nach Deleuze/Guattari. Im ersten Band von Kapitalismus und Schizophrenie, dem Anti-Ödipus, entwerfen Gilles Deleuze und Félix Guattari ein Alternativmodell zur klassischen Psychoanalyse Jungscher und Freudscher Prägung, das anstelle der „universalen Metapher“ des Ödipus, die alle gesellschaftlichen und sexuellen Relationen aus der Eltern/Kind-Beziehung ableitet, eine ziellose, sich verzweigende und verlaufende (deterritorialisierende) Wunschproduktion setzt, die die Spaltung (das schizo-) affirmiert. Deleuze/Guattaris Projekt, das aus dem Umfeld der Antipsychiatriebewegung stammt, versucht den Wahnsinn von der Geisteskrankheit zu entbinden und aus ihm, aus der Schizophrenie ein anderes Verhältnis zur Welt zu entwickeln. Die Schizo-Analyse fordert einen „Bezug zum Außen, ein wenig wirkliche Realität“.[1]

So lassen sich die Spaltungen der Choreomanie, die sowohl unwillkürliche, spontane gesellschaftliche Bewegung wie auch gestaltete Choreographie, Kunst wie Therapie, Krise wie Kur ist, mit dem Blickwinkel der Schizo-Analyse, die sich genau für diese vermeintlichen Widersprüche und verzweigte Stränge interessiert, affirmieren. Dabei treten nicht nur die Übergänge (ästhetischer) Figurationen zwischen Klinik, Ballettbühne und religiöser Ikonographie wie in der Hysterie, der einige Aufsätze dieses Bandes gewidmet sind, in den Blick, sondern auch die zwischen zeitgenössischem therapeutischen Einsatz und weit entfernten, unverbundenen kulturellen Phänomenen (Trancetänzen wie Derwisch oder Tarantismus), und der Medienwechsel zwischen Film, Tanz, und Literatur. Jegliche eindeutige Zuordenbarkeit ins entweder Pathologische oder Künstlerische gerät so aber ins Wanken, und es lassen sich fließende Übergänge aufzeigen und Unsicherheiten erzeugen – Unsicherheiten, die gerade jene von Birringer gewünschte Unterbrechung bewirken.
Als Bewegung die sich immer am Rand des Tanzens befindet unterläuft Choreomanie Kategorien und unterwandert simplifizierende, gefährliche Dualismen. Tarantismus und Hysterie des 19. Jahrhunderts z.B. teilen, das zeigen die Beiträge von Fabrizio Manco („Bodied Experiences of Madness: A Tarantato’s Perception“) und Anna Furse („Making a Spectacle of Herself: Charcot’s Augustine and the Hysteric Dance“), eine Ambivalenz: sie changieren beständig zwischen theatraler Performance, körperlicher Besessenheit und pathologischem Kontrollverlust, und dienen dabei als (vorwiegend weiblicher) Ermächtigungsgestus.

Doch wie oben bereits angedeutet schließen sich nicht alle Beiträge dieses Bandes diesem ambitionierten Vorhaben an. Die insgesamt 19 Gastbeiträge sind in fünf Bereiche gruppiert: I. Enthusiasmus und Ekstase: Historisch, kritische und theoretische Perspektiven zur Geschichte des Wahns im Tanz, II. Tanzwahn und Therapie, III. Schizoanalyse und Erotomanie, IV. Tanz, Wahnsinn und Performance, V. Ad Narragoniam – Soziale und Politische Pathologie.

Der Band eröffnet mit einer Reihe von Artikeln zur Choreomanie, die zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert als Massenpsychose mit unsicherer Ursache immer wieder auftrat und im 19. Jahrhundert breites wissenschaftliches Interesse auf sich zog. Gregor Rohmanns Beitrag „Vom »Enthusiasmus« zur »Tanzwut«: Die Rezeption der platonischen »Mania« in der mittelalterlichen Medizin“ betrachtet dabei den mittelalterlichen Medizindiskurs zu diesem Phänomen, der im Kern auf kosmologisch fundierte Ideen der Antike basiert. Dabei kann er eine interessante Parallele aufzeigen: medizinische und theologische Begründungen dieses Phänomens ähneln sich zu dieser Zeit, denn beide finden ihren Ursprung in der Antike.
Kélina Gotman schließt mit ihrem hervorragenden Aufsatz zu „Chorea Minor, Chorea Major, Choreomania: Entangled Medical and Colonial Histories“ an diese Überlegungen an, und arbeitet die Ambivalenz der Choreomanie zwischen „voluntary and involuntary motion, pleasure and pain, recreation and types of unrest“ (S. 96) heraus. Gotman weist darüberhinaus noch auf die parallelen Berichte ganz ähnlicher Epidemien aus den Kolonien, die auf eine Spezifizität des modernen medizinischen Blicks hindeutet, die den Grad des kulturellen Fortschritts am Ausbleiben der choreomanischen Bewegung misst.
Auch Alexander Schwan unterstützt in seinem Aufsatz „Tanz, Wahnsinn und Gesetz“ das schizo-analytische Projekt dieses Bandes. Schwan betrachtet den Nomismus des Tanzes, also seine Bindung an Kontrolle, Disziplin, Normen und Vorschriften, in den hierzulande wenig rezipierten tanzphilosophischen Schriften der beiden französischen Psychoanalytiker Pierre Legendre und Daniel Sibony. Während Legendre den Tanz per se als antinomistisch, also als subversiv und animalisch verortet, findet Schwan bei Sibony ein komplexeres Verständnis von Tanz und Wahnsinn, das auf einer ähnlichen Instabilität beruht wie Birringers schizo-analytischer Ansatz. Tanz und Gesetz sind unauflösbare in einer Spannung miteinander verbunden, und auch die Bewegungen des Wahnsinnigen sind so nicht vom Tanz restringiert sondern stringiert – in der Distanzierung gebunden. (S. 118)

Natascha Siouzoulis Beitrag „Die Spaltung im Blick“ über die Arbeit des zeitgenössischen Choreographen Laurent Chétouane scheint auf den ersten Blick aus dem Rahmen des Bandes zu fallen, beschäftigen sich doch Chétouanes Choreographien nicht mit Wahnsinn oder wahnsinnigen Bewegungen. Siouzouli weist dann aber in ihrer Untersuchung nach, wie in Chétouanes Arbeiten der Zuschauer als Seh-Subjekt in Frage gestellt wird und die Choreographie sich in einem „Zwischenzeitraum“ ansiedelt, dem kritischen Moment der kommenden, potentiellen Handlung. (S. 213) Siouzoulis Beschreibung von Chétouanes Ästhetik bildet so überraschenderweise die gelungenste Schizo-Analyse einer zeitgenössischen Performance in diesem Band – gerade weil sie sich nicht mit der Darstellung von Wahnsinn beschäftigt, sondern Darstellung als Modus und die Grenzen von Choreographie und Tanz in Frage stellt.
Ein weiteres Positivbeispiel ist der oben bereits genannte Beitrag von Fabrizio Manco zum Phänomen des italienischen Tarantismus. Diesem Bericht aus der künstlerischen Forschung gelingt es, das kategoriensprengende Potenzial der Choreomania zu bewahren und wiederzugeben. Er situiert das Phänomen des Tarantismus als gleichzeitig altes Ritual und moderne Performance, als Möglichkeit der künstlerischen Selbst-Entfremdung. Tarantismus wird bei Manco zu einer durch und durch paradoxen Form, in der sich in der Krise und im vermeintlichen Wahnsinn (noch nicht mal dieser ist hier eindeutig feststellbar) die Positionierung des Körpers in einem spezifischen und transkulturellen Raum, „whether historical, economic, political or physical“ (S. 281), verschieben aber nicht still stellen lässt.

Andere Beiträge aus der künstlerischen Forschung sind nicht so gelungen wie dieser, argumentieren weit einfacher und fallen bisweilen in der Rede vom Wahnsinn hinter die 1970er Jahre und die theoretischen Errungenschaften von Michel Foucault und Deleuze/Guattari zurück, auf die im Band (dennoch) ständig verwiesen wird. Damit wird der jungen Disziplin Tanzwissenschaft, die in der akademischen Welt bisweilen immer noch belächelt wird, kein Gefallen getan. Gerade ein Thema wie Choreomanie, das Kernfragen der Tanzwissenschaft berührt, da es Annahmen über den Körper und sein Verhältnis zur Wahrheit und Normativität untersucht, darf nicht beiläufig oder unkritisch verhandelt werden. Dass nachgespielter, nachgetanzter oder auch echter Wahnsinn in den Beiträgen von Sidsel Pape und Alexa Junge als Befreiungsbewegung vorgestellt wird, verkennt die zentralen Thesen Foucaults, der gerade an diesem Gegenstand die komplexe Interferenz von Befreiung und Unterdrückung aufgezeigt hat. Junges Behauptung in „Tanzekstase und Transformation“, dass Tanz per se eine befreiende oder subversive Wirkung habe und ihre unreflektierte Übertragung von rituellen Trancen auf Tanztherapie annulliert alle vorher im Band aufgestellten Differenzierungen und Komplexitäten. Weder im Ritual noch im „Irren“ findet sich so einfach die „elementare Wahrheit des Menschen“, wie das Foucault-Zitat am Ende von Annette Hartmanns Beitrag vielleicht glauben lässt (S. 195). Michel Foucault hat in Wahnsinn und Gesellschaft penibel herausgearbeitet, wie sich die Wahrheit im Wahnsinn spaltet, und somit nicht mehr eindeutige Wahrheit ist. Die Wahrheit des Wahnsinns (das Organische, die schlechten Instinkte, das Perverse) steht als unmittelbarer Widerspruch der moralischen und gesellschaftlichen Wahrheit des Menschen gegenüber. Diese paradoxe Doppeltheit – die Schizophrenie? – wird zur Wahrheit: „Der Mensch unserer Tage hat nur in dem Rätsel des Irren, der er ist und nicht ist, eine Wahrheit. Jeder Irre trägt und trägt nicht jene Wahrheit des Menschen in sich, den er in der Nacktheit seiner Menschlichkeit darstellt.“ [2]

Alles in allem überzeugt dieser Band in seiner Grundanlage, und der kategoriensprengende Ansatz einer Schizo-Analyse der Choreomanie stellt einen zur Nachahmung empfohlenen Ansatz dar, da es in der Komplexität der Methode die Komplexitäten und Paradoxien des Gegenstandes angemessen verarbeiten und wiedergeben kann. Seine weniger gelungen Beiträgen sind jedoch gleichzeitig eine Warnung, dass Tanz und Choreographie nicht per se den Schlüssel zur Wahrheit oder Befreiung des Körpers darstellen, sondern ganz im Gegenteil, sich aus den Brüchen und Rissen dieses Feldes stets eine Reflexion über vermeintlich einfache oder natürliche Kategorien entfalten muss.

[1] Gilles Deleuze/Félix Guattari, Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie Band 1, Frankfurt/Main 1977, S. 432.
[2] Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, Frankfurt/Main 1973, S. 550.



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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
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