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Der Orpheus-Mythos von der Antike bis zur Gegenwart: Die Vorträge der interdisziplinären Ringvorlesung an der Universität Hamburg, Sommersemester 2003 Ort: Frankfurt am Main, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Wien Verlag: Verlagsgruppe Peter Lang Jahr: 2004 Autor(en): Claudia Maurer Zenck (Hg) Herausgeber: Claudia Maurer Zenck Autor der Rezension: Sebastian Göschel  ISBN: 3-631-53063-3 Umfang / Preis: 279 Seiten / EUR 29.80 / SFR 44.00 / USD 32.95
Poiesis, Eros und Thanatos – Projektionsfigur Orpheus
Geht es um Ursprungsmythen der Musik und Selbstverständigung innerhalb der Künste, so wird nicht selten der Orpheus-Mythos reaktualisiert. Gilt jener doch als der erste Musikergenius, dem es bekanntlich gelang, Steine zu erweichen und Tiere zu zähmen nur mit Hilfe seiner Lyra. Aber ebenso für das Thema der großen tragischen Liebe inklusive des Scheiterns an ihr dient Orpheus als Motiv. Nicht zuletzt auch der Topos des Todes (und der Versuch seiner Überwindung) mit Orpheus verbunden.
Diese drei elementaren Themen bei denen es immer ums Ganze gehen muss, tragen dazu bei, dass der Orpheus-Mythos sich einer nahezu ungebrochenen Rezeption in Kunst, Philosophie und Wissenschaft erfreut. Gerade im letzten Jahrzehnt hatte vor allem die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Mythos Konjunktur. Dem trägt der Band ‚Der Orpheus-Mythos von der Antike bis zur Gegenwart’, herausgegeben von Claudia Maurer Zenck, Rechnung und versucht den Spagat zwischen einführenden Beiträgen und vertiefender Forschung. Die von der Hamburger Musikwissenschaftlerin initiierte Ringvorlesung versteht sich als interdisziplinär und so versammelt der zugehörige Band neben den zu erwartenden musikbezogenen Beiträgen auch philologische, kunstgeschichtliche, literaturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Aufsätze. Ein interdisziplinärer Ansatz würde sich ausdrücklich auch an ein fachfremdes oder gar außeruniversitäres Publikum richten. Dem können manche Beiträge aufgrund ihrer teilweise unangemessenen Länge, ihrer schwer nachvollziehbaren Argumentationsstruktur und vor allem ihren in der Fachspezifik verharrenden Erkenntnissen nur bedingt gerecht werden.
Verzeihlich scheint dies noch bei der philologischen Untersuchung von CLAUDIA KLODT. In präziser Kleinarbeit zeigt sie Orpheus als bereits in der Antike beliebtes Sujet, sei es nun als Argonaut oder Dichter-Sänger. In einer ausführlichen Analyse der Hauptquellen Vergil und Ovid spürt Klodt die Anlage der vielfältigen Orpheus-Variationen schon im Altertum auf. So ist Orpheus bei Vergil in moralisch-didaktischer Intention als empfindlich emotionaler und daher gelähmter Lebensverweigerer dargestellt, dem mit Aristeus ein pragmatischer Macher entgegengesetzt wird.
Das Verfahren der Intertextualität, welches der Variation von Mythen inhärent ist, zeigt sich dann bereits mit Ovid, bei dem Orpheus als argumentativ taktierender Anwalt seiner Sache vor Pluto tritt und so Vergils Version aushebelt. Daneben werten die beiden Autoren das Künstlertum unterschiedlich, so dass auch dieser Diskurs schon vorgeprägt scheint.
Obgleich die Aufsätze des Bandes nicht in eine thematische Ordnung gebracht sind, ließe sich diese gewinnbringend herstellen. Der Schwerpunkt liegt naturgemäß auf der kompositorischen Rezeption, von der gleich sechs Beiträge handeln. Innerhalb der musikalisch-künstlerischen Verarbeitung des Orpheus-Themas sind drei Blütezeiten zu erkennen: Am Anfang, dem ausgehenden 16. Jahrhundert, inspiriert der Orpheus-Mythos die Entwicklung der Gattung Oper. CLAUDIA MAURER ZENCK belegt ausführlich anhand von L´Euridice von Peri und Caccini, aufgeführt zur Hochzeit der Maria de´ Medici mit König Henri IV um 1600 in Florenz, dass sich der Orpheus-Stoff besonders für die Oper eignet. Auch die zweite bedeutende Bearbeitung für die Opernbühne durch Monteverdi und Striggio (L´Orfeo) zeigt, wie sich ein neuer Musikstil – bedingt durch die zeitgeschichtlichen Veränderungen – entwickelte. Orpheus wird in beiden Opern dargestellt als der bekehrte Held, der seine extremen Gefühle und seine intuitive, triebhafte Kunst mäßigt um sich der kunstvoll gebändigten Musik zuzuwenden. Umsetzung findet dies in einer Art des singenden Rezitierens, welches auch direkt vom Sänger auf der Bühne angewendet werden soll.
Eine willkommene Vertiefung und Einordnung in kulturwissenschaftliche und politische Zusammenhänge bietet der Beitrag von BARBARA MARX, die das Konzept von Interdisziplinarität ein wenig ernster nimmt. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Macht-Thematik im doppelten Sinne: Anhand des Orpheus, der die Frage nach der Macht der Musik stellt, analogisiert sich die Problematik von Macht überhaupt. Macht wird mit Hilfe der Gattung Oper ausgeübt, indem sie in der Lage ist, die Affekte der Zuschauer am Hofe gezielt zu manipulieren. Aper auch der Modus der Machtausübung wird variiert, indem Orpheus Pluto in der Unterwelt nicht mehr mit seinem Gesang, sondern argumentativ überzeugt. So entwickelt sich der Herrscher (mithin die Medicis in Florenz) vom willkürlich Regierenden zum kommunikativ Reagierenden. Andererseits wird auch die Rolle des Künstlers neu bestimmt; er wird zum bloßen Resonanzgefäß, durch den etwas Höheres sich artikuliert. Dies ist allerdings nur möglich durch seine Selbstbeherrschung, die sich aus der meisterlichen Beherrschung seines Instrumentes ergibt.
Mit der zweiten Blütezeit der Orpheus-Rezeption im 18. Jahrhundert beschäftigt sich überblicksartig und mittels zahlreicher Notenbeispiele DOROTHEA SCHRÖDER. Anhand von Telemanns Orasia-Oper, Haydns Orpheusfragment und dem unvermeidlichen Klassiker Orfeo ed Euridice von Christoph Willibald Gluck. Unter dem Stichwort „Reformoper“ entwickelt sich die Gattung Oper, wiederum anhand des Orpheus-Stoffes, entscheidend weiter. Mit der Zielvorgabe von Schlichtheit und Angemessenheit wird mittels natürlicher Sprache, dienender Musik und illustrierendem Tanz ein Kosmos entworfen. Am Ende soll der Zuschauer in fröhlicher Stimmung entlassen werden, was Gluck dazu veranlasste, die Geschichte entgegen der Überlieferung als bloße Liebesprobe zu inszenieren.
Den Bogen zur dritten Hochzeit der Orpheus-Rezeption im 20. Jahrhundert schlägt SOLVEIG MALATRAIT. Sie zeichnet die Entwicklung des Orpheus vom „Steine-Erweicher zum Straßenmusiker“ auf der französischen Bühne nach. Dabei stellt sie fest, dass sich Orpheus in seiner rezeptiven Modellierung zunehmend mit diesseitigen, ja alltäglichen Problemen konfrontiert sieht und seine Eigenschaften als Genius und bedingungslos Liebender demontiert werden zu einem Durchschnittsmenschen. Auffallend bei Malatraits Artikel ist, dass sie als einzige Autorin auf mythostheoretische Prägungen der Dichter und Komponisten abhebt. Dies eröffnet dann so erhellende Einsichten wie den Streit um Entmythisierung und Wiedereinsetzen des Mythos zwischen Jaques Offenbach und Richard Wagner oder Victor Segalen. Der Orpheusstoff wird im 20. Jahrhundert mehr als Stoff und Material verwendet. Wobei sich jedoch die Selbstreferenzialität wie ein roter Faden durch alle Bearbeitungen zieht: Bei Cocteau wird das Ringen des Künstlers um Inspiration selbst zum mythischen Vorgang. Anouilhs Orpheus wird dagegen künstlerisch zum bloßen Spielmann degradiert, der verhaftet in obsessivem Kleinmut auch keine anderen Möglichkeiten zur Verfügung hat als der gemeine Bürger.
Auf eine weitere Version des Orpheus-Mythos im 20. Jahrhundert geht PETER PETERSEN gesondert ein. Das Orpheusprojekt von Hans Werner Henze und Edward Bond aus dem Jahre 1979 mag zu den Bedeutenderen gehören, rechtfertig jedoch nicht den längsten Artikel des Bandes. Über mehrere Seiten ergeht sich Petersen in musiktechnischen Beschreibungen, ohne relevante Schlüsse daraus zu ziehen. Lediglich die Darlegung des Verhältnisses von Macht und Kunst trägt etwas zur Intention der Anthologie bei. Durch die Wiederbelebung des Apollon als tragende Figur eröffnet sich ein Widerspruch zwischen zwei Kunstauffassungen: Einer Kunst gegen das Leben (verkörpert durch Apoll, der die Zuhörer nur bezähmt) und einer Kunst für das Leben (repräsentiert durch Orpheus, der sein Publikum befriedet). Ein emphatischer Kunstbegriff findet dann in der Aufführung des Balletts seine Umsetzung indem die zwei Arten von Musik vorgeführt und dieser Gegensatz in einem utopischen Finale aufgelöst wird.
Da der Orpheusstoff auch in anderen Künsten eine breite Rezeption erfahren hat, widmet sich der Band den kunstgeschichtlichen und literaturwissenschaftlichen Verarbeitungen. Zentral bleibt dabei die Künstlerproblematik. So analysiert SABINE BLUMENRÖDER die Orpheus-Bilder des 15. Jahrhunderts (die meisten davon in mäßiger Qualität abgedruckt), der Zeit der häufigsten Orpheus-Adaptionen, was wohl in Verbindung steht mit der Emanzipation und Individualisierung des Künstlertums. Spätestens seit Mantegnas Camera picta gilt Orpheus als Gleichnis für das Künstlerselbstverständnis. Mantegna malt Orpheus als Archetypus des Kulturschöpfers, der aber auch Gefahren ausgesetzt ist. Blumenröder macht dies plastisch an einigen Beispielen aus Mantegnas Leben, die die prekäre soziale Lage als auch den permanenten Konflikt mit der Macht aufzeigen. Wenngleich Orpheus im 16. Jahrhundert im allgemeinen Strom der Rezeption mythischer Motive untergeht oder gar in die christliche Genealogie einverleibt wird, so lohnte sicherlich ein kurzer Blick in die bildnerische Rezeption der nachfolgenden Jahrhunderte.
Die literarische Verarbeitung des Orpheusstoffes bringt ROLF-PETER JANZ in starker Selektion zum Vortrag. Nach einem kurzen Abriss des 18./19. Jahrhunderts, exemplarisch an Novalis und Kleist, wobei vor allem die Ambivalenz von himmlischer, heilender und destruktiver, wahnsinniger Kraft der Musik hervortritt, widmet sich Janz in drei Beispielanalysen dem 20. Jahrhundert. Als Grundthema liest er bei allen das Scheitern heraus: Rilke spricht Musik und Liebe die Macht ab, die Trennung der Sphären Tod und Leben aufzuheben; Bachmann lässt Orpheus´ Musik scheitern und ermöglicht ihm mit der Einsicht um die Zwangsläufigkeit des Todes ein Leben und Heiner Müller lässt Orpheus an Geschlechterkampf und Vernachlässigung der Bauern als Liedthema sterben. Janz´ Schluss daraus ist ein durchweg poetologischer: Im Mythos sind Fragen angelegt, die der Dichter künstlerisch freizulegen vermag, damit kann und will er die Fragen jedoch nicht beantworten, sondern lediglich neue provozieren. Mythos und Dichtung weisen eine strukturelle Nähe auf.
Der zweite Aufsatz mit dem die Herausgeberin vertreten ist, beschäftigt sich mit den Orpheusarbeiten Oskar Kokoschkas. MAURER ZENCK versucht hier die Synthese der bisher besprochenen Künste aufzuspüren. In expressionistischer Manier entwickelte sich bei Kokoschka aus einigen Lithographien zum Orpheusthema ein Schauspiel an dessen Vertonung durch Krenek er selbst mitwirkte. Wie schon im ersten Aufsatz ergeht sich die Autorin detailverliebt in ausführlichen Deskriptionen der Entstehungsgeschichte, arbeitet allerdings die Verschiebungen innerhalb des Orpheus-Mythos präzise heraus: Bei Kokoschka ist die Kunst durch die Liebe gefährdet, Liebe wiederum zerbricht an der Geschlechterproblematik. Das Weiningersche Prinzip Frau (Eurydike) ist mit dem Prinzip Mann (Orpheus) nicht vereinbar.
Dem Aspekt des Orpheus als Urvater der Philosophie widmet sich DOROTHEA FREDE in einem ausgesprochen spannenden und ergiebigen Aufsatz. Indem sie Spuren orphischer Lebensansichten und Erkenntnisse bei den Vorsokratikern als auch bei den klassischen Philosophen und Wissenschaftlern wie Platon oder Aristoteles aufdeckt, verweist sie auf Hybriditäten innerhalb der griechischen Geisteswelt. Parallel mit dem Aufkommen der Philosophie entwickelt sich eine Wissenskultur, die Spiritualismus und Intellekt verbindet und ihren Ausdruck in den Geheimlehren findet. Diese boten ergänzend (nicht unbedingt alternativ) zu den wissenschaftlichen und philosophischen Welterklärungen direkte Lebenshilfe, die sich in der Beschäftigung mit der Aporie des Todes (Wiedergeburt, Seelenwanderung) und asketischen Lebensvorschriften konkretisierte. Ähnlich wie Philosophie hatten die mythischen Ansichten der Mysterien den Zweck des Strebens nach Befreiung von allzu weltlichen Maßstäben. Der Unterschied lag lediglich darin, dass die Mysterien mit Hilfe der Riten auf die Psyche des einzelnen Individuums zielten. Dies ist jedoch mit den Mitteln der schriftlichen Überlieferung kaum festzuhalten und noch schwerer von heute aus zu erschließen, dem gemäß kann auch Orpheus´ Rolle für die Mysterien nur schwerlich gesichert sein. Über seine Zuschreibungen (Arzt, Seher, Magier) wurde er zum Kultstifter und Namensgeber für eine im täglichen Leben verankerte griechische Kulturtechnik.
Am Ende der Lektüre dieser Anthologie bleibt der Leser etwas ratlos, ihm ist wohl ein breites Spektrum an Themen, Ideen und Anregungen in Bezug auf den Orpheus-Mythos eröffnet worden. Eine zentrale Fragestellung oder eine publizistische Notwendigkeit ist jedoch nicht zu ermitteln. So bleibt nur der Blick in den zeitgleich erschienenen Band, herausgegeben von Christine Mundt-Espin [1] (auf den Maurer Zenck bereits auf der ersten Seite verweist). Dort findet sich ein ähnliches Panoptikum an Artikeln [2], welche jedoch durch eine sinnfällige Einleitung der Herausgeberin einen inneren Zusammenhang erhalten. Interdisziplinarität ist eben kein additives Verfahren, sondern erfordert ein Weiterdenken auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse. So stellt Mundt-Espin fest, dass der Reiz an der Beschäftigung mit dem Orpheusmythos in der Auseinandersetzung mit dem Ursprungsmythos schöpferischen Tuns, und des eventuellen Partizipierens daran, liegt. Dieses wiederum könne nur aufgrund des Scheiterns als notwendiger Voraussetzung für die Entstehung von Neuem geschehen. Orpheus wird so per se zum Träger eines Subjektivitätsanspruches des Künstlers, der als Symptom der Krisenerfahrung sich selbst mittels der Orpheus-Figur zu etwas Numinosen, etwas Nichthinterfragbaren macht. Dem Leser solcherlei Impulse zu vermitteln, sollte notwendige Arbeit eines Herausgebers sein.
[1] Mundt-Espin, Christine (Hrsg.): Blick auf Orpheus, Tübingen/ Basel 2003.
[2] Darunter wichtige Ergänzungen wie Orpheus in der Philosophie des 19.Jahrhunderts; Orpheusverarbeitungen im Film, Orpheus in der Literatur der Frühmoderne oder Orpheus in der Bildenden Kunst von der Antike bis 1900.
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Typ: Sammelband Land: Deutschland Sprache: Deutsch Klassifikation: Mythenforschung
Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas. URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=143 Copyright by www.theaterforschung.de
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