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Kultur mit allen! Wie öffentliche deutsche Kultureinrichtungen Migranten als Publikum gewinnen
Ort: Berlin Verlag: B & S Siebenhaar Verlag OHG Jahr: 2011 Autor(en): Klaus Siebenhaar, Vera Allmanritter Autor der Rezension: Michael Isenberg  ISBN: 978-3-936962-89-5 Umfang / Preis: 190 Seiten / EUR 24,80
 „Wer von euch ohne Fehler ist, der werfe den ersten …“, hätte ein Umsichtiger dazwischenrufen können, doch da flogen schon die ersten Steine. Der SPD-Politiker und Agent Provocateur Thilo Sarrazin hat in der medial aufgeheizten Debatte einiges abgekriegt. Zu Recht. Doch – anders als die Steinewerfer – wusste er was auf ihn zukommen würde und konnte sich, unter dem Schutz konservativer Befürworter, entspannt zurücklehnen. Die Steinewerfer hatten das weitaus größere Problem. Sie konnten das Feld nicht „von ihrem Gewissen überführt“ verlassen, wie sie gekommen waren, und so weitermachen wie bisher, sondern sahen sich durch ihren etwas voreiligen Protest in der Verantwortung, mussten nun beweisen, ohne Fehler zu sein oder wenigstens aus ihren Fehlern gelernt zu haben. Gottseidank, möchte man sagen, ist nicht bei jedem Streit ein Umsichtiger zugegen.
Denn vieles ist seitdem in Kultur und Medien, besonders auch im Bereich des Theaters passiert. Kaum ein Theater, das nicht in den beiden letzten Spielzeiten ein Stück, ein Projekt, eine Lesung, eine Tagung zum Thema Integration in den Spielplan aufgenommen hätte. Shermin Langhoff, Mark Terkessidis oder Nurkan Erpulat erscheinen als die Vordenker eines anderen, in die Zukunft weisenden Theaters. Was aber den Theatern nach wie vor fehlt, ist Zeit, sind längerfristige Konzepte und der Mut zu radikalen, strukturellen Veränderungen. Auch wenn statistische Erhebungen mit Vorsicht zu genießen sind – das Hin-und-Her-Interpretieren von Statistiken scheint zur sportlichen Übung in der Integrationsdebatte geworden zu sein – es mag einen zumindest verwundern, wenn rund 54 Prozent der Kultureinrichtungen als Anlass, sich mit dem Thema Migration zu beschäftigen, angeben, dass sie „neue Zielgruppen erschließen möchten/müssen“, aber insgesamt nur rund 27 Prozent tatsächlich die gezielte Ansprache an Migranten suchen.[1] Scheitert die Zukunft unserer Theater, Museen und Konzerthäuser bereits an der Gegenwart? Wie lässt sich Integration im Theater schon heute ernsthaft realisieren?
Ein Umdenken ist gefragt
An dieser Stelle bietet ein Buch wie das vorliegende, „Kultur mit allen! – Wie öffentliche deutsche Kultureinrichtungen Migranten als Publikum gewinnen“ von Vera Allmanritter und Klaus Siebenhaar, intelligente Hilfestellung. Ein Verdienst der Autoren versteckt sich bereits im Titel, der auf Hilmar Hoffmanns Buchessay „Kultur für alle“ von 1979/81 Bezug nimmt. Trotz seiner mittlerweile rund dreißig Jahre erscheint dieser Entwurf eines anderen, demokratischen Kulturverständnisses jünger und zeitgemäßer denn je; unverständlich, dass dieses Buch nicht mehr aufgelegt wird. Es sind so spitzzüngige Sätze wie „Kultur ist wie das ‚Wort zum Sonntag’: Reicht sie auch noch für den Rest der Woche?“ [2], die – neben Hoffmanns leidenschaftlich vorgetragenen Forderungen nach einer sich ästhetisch artikulierenden Emanzipation vom elitären Kunstbegriff – das Lesen und Immerwiederlesen zu einem Vergnügen und einer kritischen Bereicherung machen.
Neue Heterogenität
„Es geht nicht nur darum, im kulturellen Bereich undemokratische Strukturen und Hierarchien der Institutionen abzubauen, sondern gleichermaßen auch darum, grundsätzliche Voraussetzungen zur Partizipation, zur Teilhabe breiter Bevölkerungsschichten und Minderheiten an dem zu schaffen, was unter einem demokratischen Kulturbegriff niemandem länger vorenthalten werden darf.“ [3] Hoffmann führt als Minderheiten subversive Gruppierungen, Arbeitslose, Straffällige und Menschen mit psychischen Krankheiten oder körperlichen und geistigen Beeinträchtigung an. Diese Liste der Ausgeschlossenen ließe sich mit Sicherheit noch um einige erweitern, zwingend jedoch – spätestens nach der Sarrazin-Debatte – muss man die oft diffamierte Gruppe der Migranten und postmigrantischen Milieus in Neukölln, Katernberg, Veddel oder sonstwo in die Betrachtung mit hinzunehmen. Zu lange wurde sie vom kulturpolitischen Diskurs ausgespart, ignoriert und angegriffen. An dieser Lücke setzen Vera Allmanritter und Klaus Siebenhaar an.
Verteidigung der Hybridität
In ihrem Aufbau entsprechen Einleitung und Schluss des Buches Hoffmanns Vorgehen. Während eingangs theoretische und kulturpolitische Überlegungen vorangestellt werden, ist der Schluss ein programmatisches Plädoyer „für eine neue Freizeit- und Kulturpolitik“ (Hoffmann), bei Allmanritter und Siebenhaar ein Zehn-Punkte-Programm „zum Erfolg“. Im direkten Nebeneinander der Sprache zeigt sich die ökonomische, sachliche und an empirischen Befunden orientierte Vorgehensweise der beiden Autoren, die gegenüber Hoffmann an Leidenschaftlichkeit, Witz und Zugänglichkeit deutlich einbüßt. Begriffe aus der jüngeren soziologischen Forschung wie etwa „Andere Deutsche“ (Paul Mecheril) oder „Dritter Raum“ (Homi Bhabha) werden nicht genauer beleuchtet und einer kritischen Betrachtung unterzogen, sondern nur anzitiert und als bekannt vorausgesetzt. So liest sich die Einleitung insgesamt als eine knappe Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Diskurses um heterogene Gesellschaften und Kulturen, gipfelnd im Konzept der Hybridität, das Identitätsbildung als vielschichtigen, teils widersprüchlichen Prozess begreift, abhängig von Herkunft, sozialer Lage, individuellen Wertegemeinschaften, etc. Für Allmanritter und Siebenhaar müssen Kultureinrichtungen radikal umdenken, wollen sie mit diesem sich immer weiter beschleunigenden Prozess Schritt halten. Mit den Worten Mark Terkessidis plädieren sie für eine „Innovation für das Ganze“ (S. 28), statt sich zu begnügen mit „Alibi- oder ‚Added-Value’-Strategien, die dem kulturpolitischen Zeitgeist geschuldet sind“ (S. 25).
Was tun?
Tatsächlich liest man hierbei wenig radikal Neues oder Gewagtes – anders als Anfang der Achtziger bei Hilmar Hoffmann. Die Frage, die einen als Leser und noch mehr als angesprochener Kulturschaffender interessiert – „Und wie lässt sich dieser Anspruch in die Tat umsetzen?“ – sparen Allmanritter und Hoffmann in ihrer Einleitung weitgehend aus. Sie bewerten zwar den allgemeinen Trend zum Biographischen als „Best Practice“, betonen den Stellenwert der Institution Schule und den großen Nutzen einer umfassenden Publikumsforschung („Audience Development“ [4]) für die Erfassung neuer Publika und loben zuguterletzt den Fußball als Vorbild gelungener Integration. Sie verzichten jedoch in der Einführung auf die Vorstellung ausgewählter Vorzeigeprojekte. Das ist wohltuend im Vergleich zu anderen Veröffentlichungen zu diesem Thema. Denn die gängige Praxis selektiver Hervorhebung gelungener Projekte führt zu einer verzerrten und verkürzten Wahrnehmung der vielfältigen Tätigkeitsbereiche der Kulturinstitutionen.
Wie kann man als Autor dieser Schieflage entgehen und dennoch praktische Orientierung geben? Allmanritter und Siebenhaar lösen im Hauptteil des Buches das Problem auf schlichte, aber intelligente Weise: Sie führten sieben längere Interviews mit Mitarbeitern öffentlicher Kultureinrichtungen, die sich in unterschiedlicher Herangehensweise dem Thema Migration widmen: jeweils zwei Museen, zwei Orchester/Konzerthäuser und zwei Theaterhäuser (siehe Inhaltsverzeichnis für genaue Angaben). Hinzu kommt das Ballhaus Naunynstraße, ein Theater, das – einmalig in Deutschland – migrantischen und postmigrantischen Kulturformen ein Forum bietet. Die Aspekte, die in den Interviews verhandelt werden, drehen sich um das Selbst- und Kulturverständnis der jeweiligen Institution, beispielhafte integrative Projekte, auftretende Schwierigkeiten und Lösungsansätze, verschiedene Publika und Wege der Ansprache und Vermittlung. Abgeschlossen werden die Interviews durch ein steckbriefartiges Profil der jeweiligen Institution.
Gerade dieser immer gleiche Aufbau der Kapitel stellt die besondere Stärke des Buches dar. Denn so lernt man nicht nur ausführlich die Arbeit einzelner Institutionen kennen, sondern kann direkte Vergleiche der Institutionen untereinander anstellen. Wie unterscheiden sich die jeweiligen Projekte voneinander? Aus welchen Gründen suchen die Institutionen eine Öffnung ihrer Häuser? Wie unterschiedlich sind die zur Verfügung stehenden Ressourcen? In welcher Sprache wird über Hybridität geredet?
Eine Frage der Kunst
Jeder Leser wird in diesem Buch andere Vergleiche anstellen, Parallelen und Unterschiede in der Herangehensweise der Befragten finden und bewerten. Immer wieder lassen sich Aussagen finden, die eine direkte Gegenüberstellung geradezu herausfordern. Ein Beispiel: Bezogen auf die Frage nach ästhetischem und gesellschaftlichem Anspruch, betonen alle Teilnehmer die Wichtigkeit künstlerischer Qualität. Vergleicht man aber die Aussagen untereinander, wird ersichtlich, wie manche der Befragten (post)migrantische Kunst zunächst als Gegensatz oder mögliche Abweichung von ästhetischen Ansprüchen sehen, andere hingegen gerade die Differenz als ästhetisches Kriterium herausstellen. So formuliert Gernot Rehrl, Intendant des „roc berlin“ behutsam: „Man sollte sich darüber im klaren sein, dass es auch Abweichungen von den gewohnten Qualitätsansprüchen geben kann, und sich fragen wie man am besten damit umgehen kann“ (S. 108), während Tuncay Kulaouglu, Kurator und Dramaturg am Ballhaus Naunynstraße fordert: „Aus ästhetischen Kategorien heraus betrachtet kann es keinen Zweifel daran geben, dass Migration eindeutig ein Motor für ‚andere’ Geschichten und Blickwinkel ist.“ (S. 162) Während Rehrl den Kulturbegriff auf einen tradierten Kern festlegt, Innovation vor allem in der Vermittlungsarbeit und einer Erweiterung des Repertoires sieht, liegt für Kulaouglu in der grundsätzlichen Wandelbarkeit von Kultur nicht nur ihre gesellschaftliche, sondern auch genuin künstlerische Bedeutung. Hybridität als Kultur und nicht eine eigene Kultur der Hybridität.
Zum Erfolg
Wie lässt sich diese Fülle an Informationen und Denkansätzen in einem Fazit zusammenfassen? Die Lösungsansätze, die Allmanritter und Siebenhaar aus den Interviews ableiten, die zehn möglichen Wege „zum Erfolg“ erscheinen lediglich wie ihr kleinster gemeinsamer Nenner. Es ist grundsätzlich nicht verkehrt die Wichtigkeit von Keyworkern und Multiplikatoren, eine individuelle Preispolitik oder die Bedeutung der sozialen Lage im Gegensatz zur Herkunftskultur zu betonen – ein Blick in die Kulturlandschaft zeigt hier (leider) immer noch großen Lernbedarf – doch wird im Gegensatz zu den Interviews die Thematik reduziert auf Tagesordnungspunkte und Sätze, die sich auswendig lernen und wieder ver-lernen lassen. Die Stärke des Buches bleibt daher der Hauptteil, die gesammelten Interviews. Hier geht es nicht bloß um Fehler und Lösungen, sondern um den normativen Rahmen, in dem wir erst Fehler in ihrer Tragweite begreifen. Wir brauchen keine Rezepte, sondern ein grundsätzliches Problembewusstsein und ehrliche Fehlerfreundlichkeit. Es geht – mit Hilmar Hoffmann gesprochen – um ein demokratisches Kulturverständnis und nicht nur um den Gewinn neuer Märkte und Abnehmer.
Diesem Buch wünscht man streitbereite Leser. Und den Umsichtigen ein paar Steine.
[1] Vgl. Vera Allmanritter: _Migranten als Publikum in öffentlichen deutschen Kulturinstitutionen_, Berlin 2009, S. 19, 26.
[2] Hilmar Hoffmann: _Kultur für alle. Perspektiven und Modelle_, Frankfurt am Main 1981, S. 7.
[3] Ebd., S. 295f.
[4] Siebenhaar ist Leiter und Allmanritter Koordinatorin des Zentrums für Audience Development (ZAD) an der Freien Universität Berlin. Diese Einrichtung ist einmalig in Deutschland. Für weitere Informationen siehe: http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/v/zad/willkommen/index.html
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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas. URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=1398 Copyright by www.theaterforschung.de
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