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Theaterwissenschaft im deutschsprachigen Raum


Ort: Tübingen
Verlag: Gunter Narr Verlag
Jahr: 2010
Herausgeber: Peter W. Marx, Christopher B. Balme
Autor der Rezension: Swantje Nölke
ISBN: 978-3-8233-6609-6
Umfang / Preis: 160 Seiten / EUR 20.00




Angesichts eines verwirrenden Studienangebots, besonders seit der Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge, will dieser Band sowohl Bilanz als auch Orientierung für die Theaterwissenschaften bieten. So ist, wie im Editorial angekündigt, eine „Bestandsaufnahme des Fachs Theaterwissenschaft“ entstanden, mit dem Ziel, „weniger den fachüblichen Selbstbespiegelungstendenzen“ als vielmehr der genuinen Informationsverpflichtung für angehende und fortgeschrittene Studierende nachzugehen. Dazu haben die Herausgeber Christopher Balme, Professor für Theaterwissenschaft an der Universität München, und Peter W. Marx, Professor am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Bern, im ersten Teil des Bandes sieben einführende Essays namhafter Vertreter des Fachs versammelt. Ergänzt werden diese von kurzen Einschüben, in denen sich Absolventen der Theaterwissenschaft mit ihrem persönlichen biografischen Werdegang und ihrem aktuellen Berufsbild und Tätigkeitsbereich vorstellen. Hier wird ihnen daneben die Gelegenheit gegeben, einige positive Aspekte ihres Studiums aufzulisten und Tipps fest zu halten, die sie angehenden Studierenden der Theaterwissenschaft „mit auf den Weg geben“ möchten.

Im zweiten Abschnitt des Bandes werden 17 theaterwissenschaftliche Institute, einschlägige Studienangebote sowie Lehrstühle aufgelistet und die jeweiligen Professoren und Mitarbeiter namentlich benannt. Die Studiengänge, deren Profil und Geschichte werden vorgestellt, es werden die Besonderheiten der Institute zusammen gefasst und die jeweiligen Standorte auch in ihrer Attraktivität als studentischer Wohnort beleuchtet. Diese Auflistung lässt transparent werden, welches Studienangebot im deutschsprachigen Raum herrscht, welche Schwerpunktsetzungen existieren, welche Aufnahmebedingungen und Studienstrukturen die Bewerber erwarten. Diese „handfesten“ Informationen sind nicht nur auf der Suche nach dem geeigneten Studienort unentbehrlich, sie bieten darüber hinaus auch dem interessierten „Insider“ einen schnellen Überblick über die wichtigsten Einrichtungen der deutschsprachigen Theaterforschung.

Eingehender, aber nicht weniger informativ werden Aspekte zu Studium und Geschichte der Theaterwissenschaft, zu Berufsaussichten und dem Verhältnis zu anderen Disziplinen in den 5 bis 9-seitigen Essays behandelt. So erhält der Leser mit dem Beitrag Friedemann Kreuders (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) zunächst Einblicke in die Biografie eines Theaterwissenschaftlers, nicht, ohne nicht auch die kritische Frage nach dem „Mehrwert“ des Studiums aufzubringen, für die er jedoch eine durchaus ermutigende Antwort bereithält: „Theaterwissenschaft arbeitet unterschiedliche Haltungen zum Theatralen heraus, indem Theatergeschichtsschreibung als eine Kombination von Kunst-, Politik-, Sozial- und Alltagsgeschichte betrieben wird“. Der Beitrag liefert daneben auch einen ersten Überblick über richtungsweisende aktuelle Forschungsgruppen und die Geschichte des Fachs bis hin zu den Performance Studies.

Diese historische Perspektive nimmt auch Christopher Balme in seinem Essay Theaterwissenschaft - ein geschichtlicher Überblick ein. Geschichte und Entwicklung des Fachs seit seinen universitär-institutionalisierten Anfängen in den 1920er Jahren werden anhand der drei zentralen Gründungsfiguren, Max Herrmann, Artur Kutscher und Carl Niessen, zusammengefasst. Balme umreisst denn auch ungeschönt die Stellung des Fachs im Nationalsozialismus, um dann entscheidende methodologische Entwicklungen in historischer Perspektive darzulegen: Von der historischen Theaterforschung, die hauptsächlich von Quellenkritik und Rekonstruktion vergangener Theaterarbeiten beeinflusst war, über verschiedene Ansätze der systematischen Theaterwissenschaft und der semiotischen Theatertheorie vollzieht Balme die Entwicklung seines Fachs nach. Anhand seiner Ausführungen wird deutlich, wie sehr theaterwissenschaftliche Forschung verbunden ist bzw. um ihrer selbst willen auch abgegrenzt werden muss von Nachbardisziplinen wie den Geschichts- und Sozialwissenschaften, aber auch der Philologien und Kulturwissenschaften. Und richtig bemerkt Balme: „Diese Vielfalt ist für angehende Studierende Heraus- und Anforderung zugleich“.

Theaterwissenschaft und die Philologien ist denn auch der darauf folgende vertiefende Beitrag von Jörg von Brincken (München) überschrieben, und im „analytischen, historisierenden und theoretischen Umgang mit Sprache und Texten“ begründet sieht er diese enge Nachbarschaft beider Disziplinen. In ihrem Zusammenspiel liege dabei die Chance, die Wechselwirkungen und gegenseitigen Beeinflussungen von dramatischem Text, theatraler Ästhetik und dem jeweiligen institutionellen Rahmen von „Theater“ transparent zu machen. Die Bedingungen des Austauschs zwischen Literatur und Theater in historischer Perspektive anhand der jeweiligen „regionalen, nationalen und globalen kulturhistorischen Kontexte“ zu untersuchen und auf gegenwärtige Entwicklungen und Erscheinungen zu übertragen sei beispielsweise angesichts der aktuellen Diskussion um digitale Textproduktion und „audiovisuelle Selbst-inszenierungsgesten“ auch zukünftig der „gemeinsame Fluchtpunkt“ beider Fachrichtungen.

Gerald Siegmund (Gießen) macht in seinem Beitrag Das Theater und die anderen Künste deutlich, wie sehr Theater als „intermediale Kunstform“ gelten kann. Dazu lohne sich ein Blick zurück in die Theatergeschichte: Angefangen beim Beispiel der Zentralperspektive des 15. Jahrhunderts und der Tableaux-Ästhetik Diderots, die im 18. Jahrhundert ebenfalls aus der Malerei heraus Einfluss auf die zeitgenössische Theaterästhetik nahm, umreisst Siegmund holzschnittartig die Bedeutung der bildenden Kunst bis hin zu aktuellen Theaterarbeiten Jan Fabres oder Robert Wilsons. Ähnlich verfährt der Autor mit dem Verhältnis von Theater und Musik bzw. Theater und Tanz. Anhand prägnanter Inszenierungsbeispiele wird damit deutlich, was Siegmund als „das Eigene“ des Theaters beschreibt: seine „Fähigkeit, andere Kunstformen und Medien zu integrieren, sie für bestimmte Wirkungsabsichten zu nutzen und deren Funktionsweise auf der Bühne zu hinterfragen“.

Mit seinem Essay Theaterwissenschaft im Verhältnis zur Medienwissenschaft befragt Wolf-Dieter Ernst (Bayreuth) zunächst die gegenseitige Beeinflussung von Theater und neueren Medien, die der Autor theaterhistorisch bereits mit Beginn der 1910er Jahre in der bildenden Kunst, dem Puppenspiel und der Literatur, aber auch ab den 1920er Jahre in den Revuen Erwin Piscators und den Radio-Texten Bertolt Brechts verortet. Das Theater und seine spezifische Wirkungsästhetik habe in diesen frühen Arbeiten die Konvention dargestellt, die auch für Radio und Film galt, die andererseits aber auch den „Live“-Charakter der Theateraufführung ins Bewusstsein treten ließ. Die technischen Möglichkeiten von Speicherung und Konservierung schließlich bildeten den entscheidenden Unterschied zum singulären Theaterereignis - und stellen für Wolf ein noch unbearbeitetes Feld in der Wirkungsanalyse digitaler Notationsverfahren dar.

Peter M. Boenisch (Canterbury) thematisiert mit Theaterwissenschaft Global: Zur internationalen Vernetzung von Studium und Forschung die auch in den Theaterwissenschaften immer wichtiger werdende Internationalisierung des Studiums, sowohl in Form von begrenzten Auslandsaufenthalten während wie auch ganzen Studienkarrieren, die komplett ins Ausland verlegt werden. Auch auf Seiten der Hochschulen stelle die internationale Vernetzung einen wesentlichen Konkurrenzfaktor dar, was für den einzelnen Studierenden die Chancen auf einen Studienplatz im Ausland erhöhe. Boenischs Beitrag sensibilisiert den Leser für die teilweise frappanten internationalen Unterschiede nicht nur in Lehre und Forschung, sondern auch bezüglich der jeweiligen Theaterlandschaften und Fokussierungen der theaterwissenschaftlichen Fragestellung. Er benennt einige internationale Beispiele von Standorten mit theaterwissenschaftlicher Ausrichtung, die auf der Suche nach einem geeigneten Studienort eine erste Orientierung bieten können. Daneben werden die beiden größten theaterwissenschaftlichen Netzwerke, die International Federation for Theatre Research (IFTR) und Performance Studies International (PSi) und deren Weltkongresse als weiter führende Anlaufstelle für Studierende, Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler empfohlen. Diese und weitere konkrete Informationen zum internationalen Austausch und wichtige Anregungen zur Finanzierung eines Auslandsaufenthaltes lassen den Beitrag zu einem hilfreichen und ermunternden Anstifter werden, über den Tellerrand der deutschen Forschung hinweg zu schauen und in „inspirierenden Austausch mit Kommilitonen aus anderen Regionen der Welt“ zu treten.

Matthias Warstat nimmt mit Was soll (ich) werden? Berufsperspektiven für Theaterwissenschaftler/innen den „Verbleib der ´fertig studierten´ Theaterwissen-schaftlerinnen und Theaterwissenschaftler“ in den Blick und konstatiert eine neue Zielstrebigkeit der Studierenden in Sachen Berufspraxis seit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Die breiter gefächerte Palette im Studienangebot und zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten theaterwissenschaftlicher Studiengänge mit anderen, verwandten Disziplinen (beispielsweise zu „Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften“) erschwere jedoch die generelle Einschätzung von Berufsaussichten. Sinnfällig sei eine Anstellung in verschiedenen Bereichen des Theaterbetriebes, wobei hier aber bei der Besetzung offener Stellen nicht zwangsläufig nach Theaterwissenschaftlern gesucht werde. Nach einer kurzen Schilderung der Kernaufgaben von Dramaturgen und Theaterpädagogen und einem Blick auf freie Theatergruppen und Festivals kommt Warstat zu dem Ergebnis: Es zählen in den genannten Bereichen nicht unbedingt die Studienabschlüsse, ebenso wichtig seien vielfältige praktische Erfahrungen, die sich aber sehr gut mit einem Studium der Theaterwissenschaften verbinden ließen. Vorteilhaft sei hier die gute Vorbereitung, die im Studium vermittelt werde - vor allem der Interdisziplinarität der Studieninhalte sei es geschuldet, dass Theaterwissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt recht gute Chancen hätten. Auch bezüglich einer wissenschaftlichen Karriere sei das ein Argument: Theaterwissenschaftler fänden sich immer öfter in ursprünglich fachfremden Forschungszusammenhängen wieder. Als ambivalent schildert Warstat schließlich die Realität derer, die sich nach ihrem Studium der Theaterwissenschaften den Weg in die Selbständigkeit gewählt haben: Es böten sich große persönliche Entfaltungs-möglichkeiten, andererseits bleibe meist eine ebenso große Unsicherheit in der finanziellen Absicherung.

Die versammelten Beiträge und Informationen zum Studium der Theaterwissenschaft sind damit nicht nur erster Überblick für Studieninteressierte und -anfänger, sondern können darüber hinaus auch als veritable Standortbestimmung des Fachs gelten und liefern schlüssige einführende (Forschungs-)Ansätze, denen mit Hilfe sorgfältig eingepflegter Literaturverweise auch vertiefend nachgegangen werden kann. Dem formulierten Anspruch, Informationslücken zu schließen und die Theaterwissenschaften als Studienfach nach außen hin zu profilieren, wird der Band damit vollauf gerecht und liefert darüber hinaus ein aktuelles Bild der theaterwissenschaftlichen Forschung im deutschsprachigen Raum.



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Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jo Jonas.
URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/rezension.php4?ID=1215
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