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Kulturen des Performativen (SFB 447) Zusatz: Performative Turns im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und in der Moderne Rubrik: Projekte: Forschung Strasse: SFB Kulturen des Performativen, Freie Universität Berlin, Grunewaldstraße 35 PLZ: 12165 Ort: Berlin Land: Deutschland Email: theater@zedat.fu-berlin.de (Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte) Fax: 0049 (0)30 838 503 65 (Dr. Jens Roselt) Telefon: 0040 (0)30 838 503 49 (Dr. Jens Roselt) Link: www.sfb-performativ.de Gegruendet: 1999
Einleitung (aus der Selbstdarstellung):
In den Kulturwissenschaften (d.h. den Geistes- und Sozialwissenschaften) hat sich in den letzten Jahren ein Wechsel der Forschungsperspektiven angebahnt. Bis in die späten achtziger Jahre dominierte die Erklärungsmetapher "Kultur als Text", das heißt, Kultur insgesamt wie auch einzelne kulturelle Phänomene wurden als strukturierter Zusammenhang von Einzelelementen aufgefasst, denen bestimmte Bedeutungen zugeschrieben werden können. Eine Leistung dieser Forschungsrichtungen, die mit textwissenschaftlichen Methoden arbeiten, besteht vor allem in der Erweiterung und Öffnung des Gegenstandsbereichs. Dessen Betrachtung bleibt indessen weitgehend statisch.
Wird hingegen die Performativität von Kultur in den Blick gerückt, verlagert sich das Interesse auf die Tätigkeiten des Produzierens, Herstellens, Machens und auf die Handlungen, Austauschprozesse, Veränderungen und Dynamiken, die Akteure und kulturelle Ereignisse ausmachen. Die Fruchtbarkeit dieses Perspektivenwechsels erweist sich seit einigen Jahren in so unterschiedlichen Disziplinen wie der Theaterwissenschaft, der Diskursanalyse, der Ethnologie, der Soziologie, der (Sprach-)Philosophie, der Linguistik, den Literatur- und Medienwissenschaften, der Psychologie oder der Pädagogik. Weitere, partiell sich mit dem Konzept der Performativität überlappende Begriffe, die einen veränderten Blick auf Kulturen und kulturelle Phänomene anzeigen, sind: Inszenierung, Spiel, Maskerade, Spektakuläres sowie eine Betonung der Materialität, Medialität und interaktiven Prozesshaftigkeit kultureller Handlungen.
Der Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen reagiert auf den sich andeutenden Wechsel der Forschungsperspektiven vom "Text-Modell" zum "Performance-Modell". Er geht jedoch nicht von einer starren Opposition zwischen beiden Modellen aus, sondern fokussiert stärker das Austausch-, Spannungs- und Oszillationsverhältnis zwischen ihnen, und er setzt der etablierten Betonung des Referentiellen eine stärkere Fokussierung auf das Performative entgegen.
In der Perspektive des Performativen sind es nicht mehr nur Gegenstände, Monumente und Kunstwerke, die als Repräsentationen einer Kultur und deren Selbstverständnis betrachtet werden, sondern dynamische Prozesse (sowohl zwischen den Menschen als auch zwischen den Menschen und ihrer Umgebung), in denen sie hergestellt und verwendet werden. Der Körper erscheint als Material und Medium von Handlungsvollzügen. Die etablierte Fixierung auf das Telos einer Handlung und auf das zu einem bestimmten Zeitpunkt vorliegende Resultat weicht der Betrachtung einer Zeitdauer in einem komplexen, sich ständig verändernden Zusammenhang. Ins Zentrum des Interesses tritt darüber hinaus die Beziehung zwischen den jeweiligen Akteuren und dem Publikum, das selbst zum - mehr oder weniger aktiven - Teilnehmer geworden ist.
Aktuelle Forschungsergebnisse in der Ethnologie, der Theater-wissenschaft, der Philosophie und anderen Disziplinen legen eine Neubewertung und Neugewichtung des Performativen gegenüber dem Referentiellen nahe. Aufgrund dieser Forschungen ist davon auszugehen, dass nicht nur außereuropäische Kulturen sowie die europäischen Volkskulturen, zu deren Erforschung schon früh performative Erklärungsmodelle gewählt worden waren, sich maßgeblich in und durch performative Prozesse konstituieren, sondern dass dies auch für europäische Kulturen insgesamt und insbesondere für die sogenannte "Kultur der Eliten" zutrifft. Angesichts dieses Befundes müssen zwangsläufig die bislang geltenden Forschungspositionen zu den Problemfeldern Identität, Repräsentation, Körper- und Selbstbild, Raum- und Zeitvorstellungen, kulturelle Normen und Werte u.a. überprüft werden.
Zwar wurde die Bedeutung performativer Prozesse in der europäischen Kultur immer wieder thematisiert. Doch entwickelte sich keine systematische Forschung. Denn Performativität ist ein Phänomen, das methodisch nicht leicht zu handhaben ist und das sich wissenschaftlichen Ansprüchen auf systematische Analyse, auf Überprüfbarkeit oder auf Wiederholbarkeit und Konstanz entzieht. Insofern scheint die Betonung des performativen Aushandelns und Herstellens von Kultur nicht nur ein grundlegend gewandeltes Verständnis von Kultur anzuzeigen, sondern zugleich auch eine modifizierte Auffassung von der Verfasstheit und den Zielen kulturwissenschaftlicher Forschung.
Der mit dem Performativitäts-Modell eingeleitete Wechsel der Forschungsgegenstände und Forschungsperspektiven impliziert mithin eine Veränderung der Forschungsstrategien. Als zentrale Herausforderung gilt dabei die Frage, wie textwissenschaftliche Methoden und Verfahrensweisen mit 'performativitätsorientierten' Zielsetzungen und Ansätzen vermittelt werden können. Damit strebt der Sonderforschungsbereich vor allem zwei methodische Neuerungen an: zum einen eine Veränderung der Textwissenschaften nicht bloß im Sinne einer Erweiterung und Pluralisierung der Lesarten, sondern im Sinne einer grundlegenden Veränderung der Zu- und Umgangsweisen mit den Gegenständen; zum anderen eine auf das Spannungsverhältnis von Textualität und Performativität fokussierte methodische Grundlegung kulturwissenschaftlicher Forschung.
Gegenstand, Ziel, Untersuchungsschwerpunkte:
Der Sonderforschungsbereich Kulturen des Performativen untersucht das Verhältnis von Performativität und Textualität sowie die Funktionen und Bedeutungen des Performativen in den großen europäischen Kommunikationsumbrüchen im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und in der Moderne.
Es erscheint sinnvoll, die Relation von Performativität und Textualität in Konstellationen zu untersuchen, in denen die Kommunikationsverhältnisse einen Umbruch erfahren und mithin die Bedingungen der Materialität und Medialität von Kommunikation veränderte Vorgaben für Performativität und Textualität schaffen. Die erste Umbruchsituation, die der Sonderforschungsbereich untersucht, stellt der Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit dar. In diesem Zusammenhang sind vor allem drei entscheidende Veränderungen der Kommunikationsverhältnisse zu nennen: die Verschriftlichung der Volkssprachen, die ihren ersten Höhepunkt im 12. Jahrhundert erreicht, die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert sowie die Wieder-Entdeckung und Verbreitung antiker Autoritäten.
Die zweite wichtige Umbruchsituation ist mit der Entwicklung der neuen Medien seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gegeben. Hier fragt der Sonderforschungsbereich unter anderem danach, wie diese Kommunikationsveränderungen auf die "alten Medien" wie Theater, Musik, bildende Kunst und Literatur zurückwirken.
Die beiden großen Untersuchungsschwerpunkte des Sonderforschungsbereichs sind insofern aufeinander bezogen, als sich in der Phase vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit konstatieren läßt, daß das Spannungsverhältnis von Performativität und Textualität nicht zuletzt aufgrund medialer Neuerungen in eine Dominanz von Textualität überführt wurde. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert scheint sich ein gegenläufiger Prozeß anzudeuten: Wiederum ist es die Entwicklung neuer Medien, die maßgeblich dazu beiträgt, daß die Dominanz von Textualität durchbrochen wird und in verschiedensten kulturellen Bereichen Performativierungsschübe zu verzeichnen sind.
Durch die Forschungsarbeit der einzelnen Teilprojekte ergeben sich übergeordnete Fragestellungen. Diese betreffen das Verhältnis von Performativität zu
a) Medien
b) Wahrnehmung
c) Ritual
d) Gender
e) Wissen(-schaft).
In interdisziplinären Arbeitsgruppen, an denen sämtliche Mitglieder des SFB beteiligt sind, werden die Problemkomplexe untersucht.
Die Teilprojekte und Arbeitsgruppen:
Der Projektbereich A, „Performativität in den Übergängen vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit“, besteht aus den 9 Teilprojekten:
A1 Performanz und Kinästhetik im Spannungsverhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Leitung: Prof. Dr. Horst Wenzel
A2 Emotionalität in der Literatur des Mittelalters
Leitung: Prof. Dr. Ingrid Kasten
A3 Lachkultur: Dramaturgie von Witz und Witzkultur in Spätmittelalter und Früher Neuzeit
Leitung: Prof. Dr. Werner Röcke
A4 Dialogizität und Performanz: Die Theatralisierung kultureller Medien im frühneuzeitlichen England
Leitung: Prof. Dr. Manfred Pfister
A5 Performativität und episteme: Die Dialogisierung des theoretischen Diskurses in der Renaissance-Literatur
Leitung: Prof. Dr. Klaus W. Hempfer
A6 Spektakuläre Experimente. Historische Momentaufnahmen zur Performanz von Wissen
Leitung: Prof. Dr. Helmar Schramm
A7 Ritual und Risiko. Zur Performativität des Spiels zwischen Kulturanthropologie, Religion und Kunst
Leitung: Prof. Dr. Renate Schlesier
Der Projektbereich B, „Performativität in der Moderne“, besteht aus den 11 Teilprojekten:
B1 Ästhetik des Performativen
Leitung: Prof. Dr. Erika Fischer-Lichte
B2 Klangaktionen als Ereignisformen in der experimentellen Musik
Leitung: Prof. Dr. Albrecht Riethmüller
B3 Museums- und Ausstellungsinszenierungen - ein Phänomen performativer Kulturpräsentation
Leitung: Prof. Dr. Thomas Gaehtgens
B4 Erzähltes Geschlecht - Unendliche Geschichten in der erotisch-ästhetischen Kultur insbesondere des letzten Jahrhundertdrittels
Leitung: Prof. Dr. Gert Mattenklott
B5 Die Hervorbringung des Sozialen in Ritualen und Ritualisierungen
Leitung: Prof. Dr. Christoph Wulf
B6 Die Aufführung der Gesellschaft in Spielen
Leitung: Prof. Dr. Gunter Gebauer
B7 'Performative Turns' der Wissensvermittlung im kulturhistorischen Vergleich
Leitung: Prof. Dr. Hartmut Böhme; Prof. Dr. Peter Matussek
B8 Produktorientierte und prozessorientierte Ansätze in der Sprachwissenschaft: 'Übergänge' als Explanandum
Leitung: Prof. Dr. Ekkehard König
B9 Verkörperte Sprache - entkörperte Sprache. Stimme und Computer als Medien der Kommunikation
Leitung: Prof. Dr. Sybille Krämer
B10 Stimmen als Paradigmen des Performativen. Medien- und genderspezifische Dimensionen von Stimmlichkeit
Leitung: Prof. Dr. Doris Kolesch
B11 Der Akt der Aufführung im kinematografischen Raum
Leitung: Prof. Dr. Gertrud Koch
Interdisziplinäre Arbeitsgruppen:
AG Medien, Leitung: Prof. Dr. Sybille Krämer
AG Wahrnehmung/Zuschauer, Leitung: Prof. Dr. Horst Wenzel
AG Ritual, Leitung: Prof. Dr. Christoph Wulf
AG Gender, Leitung: Prof. Dr. Doris Kolesch
AG Performativität von Wissen(schaft) - Diskursivierung des Performativen, Leitung: Prof. Dr. Klaus Hempfer
Die Annotation der im engen Zusammenhang mit dem SFB 447 entstandenen Publikation "Grundlagen des Performativen" (hrg. v. Jörg Zirfas, Christoph Wulf, Michael Göhlich; 2001) können Sie hier unter "Publikationen" oder, direkt, unter http://www.theaterforschung.de/annotation.php4?ID=22 einsehen.
Verzeichnisdatum: 15.11.2004
Typ: Sonderforschungsbereich (SFB) Land: Deutschland Epochale Zuordnung: Thematischer Schwerpunkt: Spiel, Performativität, Kulturgeschichte, Kommunikations- und Interaktionsprozesse, Symbolik, interaktive Prozesshaftigkeit kultureller Handlungen, Inszenierung, Analyse kultureller Phänomene
Diese Nachricht wurde redaktionell betreut von Jens Ilg. URL zur Zitation: http://www.theaterforschung.de/institution.php4?ID=151 Copyright by www.theaterforschung.de
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